Mit genau 0 Lari im Portemonnaie, begann ich den nächsten Tag. Entgegen meiner Befürchtung am Morgen nach der Tour an einem kolossalen Muskelkater zu leiden, taten meine beiden Beine nur mäßig weh und ich konnte mich gut bewegen. Meine letzten 50 Lari in Kost und Logis zu investieren hatte sich ausgezahlt. Durch das deftige Abendbrot vom Vortag hatte mein Körper genug Energie und Nährstoffe aufnehmen und sich erstaunlich gut regenerieren können. Der 11.06.2025 war ein schöner Tag. Entgegen dem regnerischen Ende des Vortags schien die Sonne hell und klar. Ich war früh ins Bett gegangen, also wachte ich auch früh auf. Um kurz vor 08:00 Uhr hatte ich meinen Rucksack bereits gepackt, stellte ihn bereit zurecht und erkundete zusammen mit Andrea in der Früh Ushguli und seine Gassen und prägenden Steintürme, sowie die unmittelbare Umgebung des Dorfes. Am Vortag war ich dafür zu Erschöpft gewesen. Als wir am nörd-östlichen Rand des Dorfes halt machten und ich gerade darüber sinnierte, wie ich wohl Ushguli gen Süden am besten verlassen könnte, kam uns ein Mann in schnellem Tempo entgegen gejoggt – einige Hunde im Schlepptau. Interressanterweise kannte ihn Andrea und er hielt an. Ich erfuhr, das Jannik mit seinem Freund Jannik zusammen unterwegs war, aus Deutschland kam und Andrea einige Tage zuvor mit nach Mestia genommen hatte. Nun planten die zwei Janniks in ca. ein bis zwei Stunden Ushguli über den Pass in Richtung Kutaissi zu verlassen. Auf meine Nachfrage, ob sie noch Platz im Auto hätten und mich eventuell mitnehmen würden, bekam ich die Antwort, gegen zehn Uhr am Ausgang Ushgulis zu warten. So wurden meine Sorgen ohne Geld nicht aus Ushguli herauszukommen vom Winde verweht, ich bedankte mich für die Information und machte mich schleunigst auf den Weg meinen Rucksack zu holen, um das Zeitfenster nicht zu verpassen. Dankbar über die Tatsache, mit einer erfahrenen Person den Wanderweg von Mestia bis nach Ushguli bestritten zu haben, verabschiedete ich mich von Andrea. Sie wollte nach Mestia zurückkehren, da sie dort einige Dinge zurückgelassen hatte, um ihr Rucksackgewicht zu reduzieren. Ohne Andrea hätte ich definitiv mehr hungern, und den Trail vielleicht sogar vorzeitig abbrechen müssen. Ich beschloss, das nächste Mal mehr Zeit in die Planung zu investieren, bevor ich wieder einen längeren Trail bestreiten sollte. Und tatsächlich, nicht lange nachdem ich mich in Richtung Pass an die Straße gestellt hatte, hielten Jannik&Jannik und nahmen mich mit.









Über vier Stunden lang fuhren wir die atemberaubende Passstraße entlang in Richtung Süden. Nur kurz hielten wir zwischendurch an einem Geldautomaten und Supermarkt. Dann ging es ab ins Karma Hostel in Zemo Nagvazavo. Das Karma Hostel schien ein Geheimtipp zu sein und war das dritte Hostel auf dieser Reise, das sich nach einem richtigen Hostel mit Community anfühlte. Es wurde hervorragend zusammen gekocht, Fittness getrieben und spät am Abend zusammen am Lagerfeuer gesessen, gesungen und Geschichten erzählt. Zwar verbrachte ich in dem Hostel nur eine kurze Zeit, aber es fühlte sich großartig an. Man konnte einfach Früchte von einem Loquat Baum im Garten pflücken und die Seele baumeln lassen, während man diese verspeiste.




Am Morgen des nächsten Tages, dem 12.06.2025, brach ich in Richtung Kutaissi auf, dort hatte ich eine Möglichkeit für ein paar Tage zu couchsurfen. Zuerst allerdings lief ich, wieder zu Fuß und alleine, in die genau entgegengesetzte Richtung, nach Martvili los. Dort gab es angeblich eine schöne Schlucht mit Fluss, die ich mir anschauen wollte. Als ich aufbrach, war es bereits sehr heiß. Ich lief entlang der staubigen und trockenenen Straße, musste allerdings ein gutes Stückchen Weg zurücklegen, bis ich mitgenommen wurde. Der Kanyon war von Touristen überlaufenen, so beschloss ich weiter Flussaufwärts einem Tipp zu folgen. Und tatsächlich, ca. zwei Kilometer weiter Flussaufwärts waren die Touristen plötzlich verschwunden und man konnte in Ruhe ins klare Wasser hopsen. Während ich mich abkühlte, beobachtete ich ein paar Jungs dabei, wie sie sich erfolgreich im Fischfang übten. Entspannt und abgekühlt trampte ich den restlichen Nachmittag nach Kutaissi.





Während einer der Lifts schlugen bei mir plötzlich alle Sinne alarm, als der Fahrer ohne etwas zu sagen auf einmal abbog und an einer abgelegenen Wiese hielt. Uns trennte eine Kommunikationsbarriere und zu spät bemerkte ich, dass der Mann stark angetrunken war und hektisch an seiner Gebetskette herumnästelte. Kurz vorher hatte er an einem Supermarkt gehalten, starken Alkohol, Cola und ein gefülltes Croissant gekauft. Nun leerte er die Flasche halb und forderte mich auf es ihm gleich zu tun. Trotz mehrmaligem Auffordern seinerseits mit ihm zu trinken, lehnte ich ebenso entschieden ab und stieg aus. Ich fühlte mich äußerst unwohl und hatte Schwierigkeiten die Situation einzuordnen. Wir befanden uns alleine irgendwo auf einer abgelegenen Wiese, ich konnte mit dem Mann kaum kommunizieren und sein Habitus war negativ auffallend. Vermutlich hatte der Mann es nur gut gemeint und schien nun durch meine Reaktion gekränkt und ich hatte gehört, dass es anscheinend häufig vorkam, dass Menschen unter Alkoholeinfluss in Georgien hinterm Steuer saßen, dennoch: Alle meine Sinne hatten Alarm geschlagen, mich vor diesem Mann in Acht zu nehmen. Von einem auf den anderen Moment war ich hellwach gewesen und gedachte nicht diese Signale einfach zu ignorieren. Ohne weitere negative Vorkommnisse erreichte ich schließlich Kutaissi. Dort wurde ich von meinem Gastgeber Dmitry im Park abgeholt.







Den 13.06.2025 und 14.06.2025 verbrachte ich in Kutaissi damit, meine nächsten Schritte zu planen und mich von den Wanderstrapazen der vergegangenen Tage zu erholen. Zwischen Hibiskustee, Reis mit Rosinen, gekochtem Buchweizen, mehr Hibiskustee und ein paar Carcassonne Partien gegen Dmitry, setzte ich mich das erste mal genauer mit den Visaoptionen für Russland auseinander. Nach mehrstündiger, ausgenehnter Recherche im Internet musste ich feststellen, dass mein ursprünglicher Plan, mit dem russischen E-Visum von Geogien durch Russland nach Kasachstan zu reisen, so nicht funktionieren würde. Zwar war es möglich mit dem E-Visum für Russland an dem Grenzübergang Verkhny Lars von Georgien nach Russland einzureisen, allerdings nicht möglich, von Russland über den Grenzübergang Karauzek nach Kasachstan auszureisen. Karauzek war nicht als E-Visa Checkpoint auf der offiziellen Visawebsite gelistet. Zwar gab es Menschen die es wohl mit dem E-Visa durch eben jenen Checkpoint geschafft hatten, diese konnte man jedoch an einer Hand abzählen. Mit schwerem Herzen entschied ich mich gegen das E-Visum für Russland. Die Wahrscheinlichkeit am Grenzposten zu Kasachstan nicht weiter zu kommen erschien mir zu hoch. Als nächste Option nahm ich das Transitvisum für Russland in Augenschein. Zwar konnte man problemlos mit dem Transitvisum Russland in einer vorgegebenen Zeit durchqueren, leider benötigte man dafür aber auch ein bereits zuvor physisch ausgestelltes Visum des Ziellandes. Da ich allerdings als Deutscher Staatsbürger kein physisches Visum benötige, um in Kasachstan einzureisen, schlug auch diese Option fehl: Kein physishes Visum, keine Durchreise. Blieb nur noch das Touristenvisum. Um an ein Touristenvisum für Russland zu kommen, musste allerdings eine Plethora an verschiedensten Dokumenten ausgestellt und mit dem Visumsantrag selbst im Konsulat oder der entsprechenden Botschaft eingereicht werden. Neben dem originalen Reisepass und dem korrekt ausgefüllten und unterschriebenen Antrag mit aktuellem Passfoto, wurden Dokumente wie eine Einladung nach Russland, eine Rückwilligungsbestätigung und eine vor nicht mehr als drei Monaten abgeschlossene, aktuelle Reisekrankenversicherung verlangt. Das waren viele Dokumente, wovon ich mindestens zwei nicht alleine verfassen konnte. Ich brauchte Hilfe. Nach langem Hin und Her, entschied ich mich dafür, über buch-dein-visum.de und die König Tours GmbH & Co KG in Brühl mein Glück zu versuchen. Ich folgte den Anweisungen und blieb am Preis hängen. 284 Euro für Einladung und Bearbeitungsgebühr innerhalb einer Woche plus 30 Euro zusätzlich für die Rückwilligungsbestätigung wurden gefordert. Den Visumsantrag müsste ich selbst korrekt ausfüllen,
unterschreiben und mit aktuellem Passbild und aktuellem Auslandskrankenkassenbescheid sowie meinem originalen Reisepass zu ihnen nach Deutschland schicken. Das waren die Konditionen und ich wollte es versuchen. Zu Beginn der Reise hatte ich mir fest vorgenommen nur zu Fuß und trampend dieses Abendteuer zu bestreiten und nur als letzte Option den Flugweg zu wählen. Das Touristenvisum für Russland erschien mir als realistischste Option, um über den Landweg nach Kasachstan zu kommen. Natürlich gab es auch andere Routen und Optionen, die ich mir vorher gründlich angeschaut hatte und immer wieder durch den Kopf gehen ließ: Nach Azerbaijan konnte man nur auf dem Luftweg einreisen, um dann eine Fähre in der Nähe von Baku nach Aqtau zu erhaschen. Diese Option fiel also weg. Es gab die Möglichkeit durch den Iran nach Turkmenistan und Usbekistan nach Kasachstan zu gelangen. Für Turkmenistan wurde allerdings ein Transitvisum benötigt, das von mir verlangete, innerhalb von fünf Tagen das Land zu durchqueren, mit zuvor festgelegtem, spezifischem Einreise- und Ausreisetag. Diese Option erschien mir als äußerst unattracktiv. Denn neben dem zuvor Erwähnten, musste zusätzlich ein Guide für diese Zeit gebucht werden, der einen auf Schritt und Tritt verfolgen würde. Sollten in diesem äußerst konservativen Land irgenwelche Regeln missachtet und gebrochen werden, drohten harte Strafen, bis hin zu Freiheitsentzug. Zu guter Letzt gab es dann noch als einfachste Option den Flug von Tbilisi nach Atyrau für umgerechnet 150 Euro, sollten alle Stricke reißen, würde ich den Flug nehmen. So buchte ich also das Touristenvisum für Russland bei Koenig-Tours für mehr als 300 Euro und ging in die Stadt, um mein ausgefülltes Visadokument zu drucken und Passfotos anfertigen zu lassen. Es war Samstag. Meinen Reisepass nach Deutschland zu schicken, bedeutete, dass ich in dem Land, von wo aus ich den Reisepass los schicken würde, so lange fest sitzen würde, bis ich den Reisepass zurückerhielt. So beschloss ich meinen Reisepass von Tiflis aus zu senden. Auf diese Weise hatte ich mehrere Tage Zeit, wenn nicht gar Wochen, die Stadt zu erkunden, während ich auf die Ausstellung des Visum warten würde. Doch bevor ich irgendwo für einen längeren Zeitraum festsitzen würde, wollte ich noch einen kurzen Abstecher nach Armenien wagen. In den letzten Wochen waren mir immer wieder nur gute Dinge über Armenien zu Ohren gekommen und außerdem wollte ich den Ararat mit eigenen Augen sehen. Ich hatte einen Plan gefasst: Zuerst würde ich für einige Tage Armenien bereisen, bevor ich weiter nach Tbilisi trampen und von dort die geforderten Dokumente nach Deutschland schicken würde. Mit dem Touristenvisum für Russland in den Händen, würde ich dann von Georgien über Russland nach Kasachstan weiterreisen.
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