Als ich am 27.06.2025 um kurz vor sieben Dimitris Appartement in Richtung Flughafen verließ, waren die Straßen Tiflis‘ noch nicht vollgestopft mit hupenden Autos. Ich genoss die relative Ruhe auf dem Weg zur Bushaltestelle, denn der Buss selbst war gut gefüllt. Bis zum Flughafengelände waren es ca. eineinhalb Stunden Busfahrt, die ich damit verbrachte Audible zu hören und die Menschen im Bus zu beobachten. Die Gepäckabgabe und der Checkin liefen problemlos und schon bald saß ich, nach kurzer Wartezeit, im Flugzeug. Pünktlich um 09:50 Uhr wurden die Turbinen angelassen und der Airbus rollte auf die Start- und Landebahn. Der Pilot beschleunigte und das Flugzeug hob ab. Auf der linken Seite auf Platz 35A, direkt hinter dem linken Flügel des Flugzeugs sitzend, beobachtete ich Tiflis von oben. Mein eigentlich reservierter Platz 36A war von einem kasachischen Ehepaar mit Kleinkind weggeschnappt worden. Schelmisch guckte das Kind nun von hinten durch die Sitze, und zupfte mir gelegentlich am Haar. Durch die Vogelperspektieve erschien alles so ruhig, klein und geordnet. Den Stadtlärm zurücklassend drehte der Airbus nach Nord-Osten ab, überflog den Kaukasus, Russland und das Kaspische Meer und landete erfolgreich in Atyrau, Kasachstan, wo mir die dritte Stunde auf dieser Reise geraubt wurde. Ich hatte die weiten Blicke auf den Kaukasus genossen, doch nun galt es meinen Rucksack und Ruslan zu finden, bei dem ich die nächsten zwei Tage überbachten würde. Das erste was mir auffiel, als ich aus dem Flugzeug stieg, war der Wind. Unablässig, trocken und stark zog er über das Flache Land und wirbelte dabei Staub und Erde auf. Alles war mit einer feinen Staubschicht bedeckt. Wie versprochen wartete Ruslan vor dem Eingang des Flughafen, der durch eine musizierende Menschenmenge blockiert wurde. Zusammen fuhren wir mit dem Buss nach Atyrau. Da ich in Georgien vergessen hatte meine restlichen Lari in kasachische Tenge umzutauschen galt es zuerst einen Geldautomaten zu finden oder eine Person, die meine restlichen Lari umtauschten konnte. Ein Euro sind in Kasachstan ca. 600 Tenge wert. Über den Tag zeigte mir Ruslan die Stadt. Wir schlenderten am Ufer des Oral entlang, beobachteten einen Songkontest von Weitem und aßen und tranken eine Kleinigkeit. Atyrau war eine Industrie- und Ölstadt. Ruslan erklärte mir, dass durch die Ölförderung der Industrie viele Schadstoffe in die Luft gelangten und die Luft daher auf längere Dauer schädlich sei. Angespornt durch den Songkontest, dem wir zuvor beigewohnt hatten, verbrachten wir den Abend damit Lieder des ESC (Eurovision Song Contest) zu schauen und mitzusingen. Dabei kamen die deutschen Lieder nicht zu kurz, die ich für Ruslan natürlich übersetzten sollte. Ruslan war ein großer Fan des ESC und ebenso engangierter Sänger. Viele Lieder kannte er auswendig und er erzählte mir, welch großen Stellenwert der ESC in Osteuropa habe. Als Schlafstätte diente mir an diesem Abend ein auf dem Boden ausgerollter Futon, der mir ein durchaus ungewohntes, hartes Schlaferlebnis bescherte. Über die nächsten Tage sollte ich dieser Art von Bettstatt mit dem Namen Kurpacha noch häufiger begegnen.















Auch den nächsten Tag, den 28.06.2025 verbrachte ich bei Ruslan und in Atyrau, bevor ich am Vormittag des 29.06.2025 Atyrau gen Osten trampend verließ. Zuerst war es gar nicht so einfach eine Mitfahrgelegenheit zu finden, da fast alle Autos hielten und Privattaxi spielen wollten. Wir wurde klar, dass ich deutlicher kommunizieren musste, bevor mich jemand mitnahm und dann Geld verlangte. So legte ich mir den Satz „Ich trampe ohne Geld“ auf Russisch und Kasachisch zurecht. Die russische Variante – ya avtostop bez deneg – nutzte ich allerdings wesentlich häufiger, da sie für mich einfacher und korrekter auszusprechen war und Russisch in ganz Kasachstan gesprochen und verstanden wird. Auf diese Weise wurde ich die Autos die hielten, um Geld an dem unbekannten Reisenden zu verdienen, schnell wieder los. Da so viele Autos in kürzester Zeit hintereinander angehalten und Geld verlangt hatten, war ich zunächst ein wenig verunsichert, in wie fern Trampen überhaupt in Kasachstan möglich sei, doch noch während ich darüber nachsann, stoppte ein Auto und nahm mich direkt bis nach Maqat mit. Laute kasachische Musik dröhnte aus den Lausprechern, meine Trampingreise durch Kasachstan hatte begonnen. Zügig verschwand Atyrau hinter mir am Horrizont und machte endlosem, hügeligem Grasland platz. Wenig später war nichts anderes mehr als Gras und Steppe in alle vier Himmelrichtungen zu sehen. Nur die Straße, die sich wie ein Bindfaden durch das Land schlängelte, teilte das Grasland in zwei Hälften. An der Abzweigung zu Maqat stieg ich an einer Tankstelle aus, um auf der Straße nach Aqtöbe zu bleiben und versuchte gleich wieder mein Glück. Und tatsächlich, keine zehn Minuten später wurde ich von einem Kleintransporter aufgefordert einzusteigen. Zwar hatte dieser keinen zweiten Sitz, dafür aber eine kleine Bettstatt hinter dem Fahrersitz, wo ich mich ausstrecken konnte. Der Kleinlasterfahrer – dessen Namen ich leider vergessen habe – wollte heute tatsächlich noch bis nach Aqtöbe, ein Volltreffer! Die nächsten acht Stunden verbrachte ich plaudernd, dösend und die Umgebung beobachtend im Kleinlaster. Nur langsam bekam ich ein wirkliches Gefühl dafür, wie groß Kasachstan wirklich war. Von Atyrau bis Aqtöbe waren es gut und gerne 600 Kilometer. Nur einmal hielten wir an, um uns zu erleichtern und danach im wohl einzigen Gasthaus weit und breit eine Mahlzeit einzunehmen. Erst nachdem die Sonne bereits untergegangen war kamen wir in Aqtöbe an. Ich war erfolgreich über 600 Kilometer an einem Tag getrampt, meine weiteste Tour bisher. Immer wieder hatte ich zwischendurch auf meinem Navigationssystem nachgeschaut, wie weit wir vorangekommen waren und war jedes mal geschockt, wie wenig sich der Punkt auf der Karte bewegt hatte. Doch die Größe Kasachstans bedeutete auch, dass ich vorraussichtlich schneller voran kommen würde, da die Fahrer auf den Straßen es gewohnt zu sein schienen, lange Distanzen zu fahren. Aufgrund eines kleinen Missverständnisses mit meinem Couchsurfing-Host Rustem übernachtete ich letztendlich an diesem Tag in der Stadt.










Am Folgetag, dem 30.06.2025, besichtigte ich einen Großteil des Tages Aqtöbe, bevor mich Rustem am frühen Abend nach der Arbeit zu sich nach Hause nahm. Ein wenig eingequetscht zwischen Rucksack und Autotür, verschwand Aqtöbe bald im Rücken. Rustems Zuhause lag 20 Kilometer östlich von Aqtöbe im Dorf Krasnosel’skoe, das zwischen einer hügeligen Graslandschaft eingebettet und den letzten Sonnenstrahlen des Tages, die seitlich auf die Hügelkuppen fiehlen, friedlich und idyllisch anmutete. Eine holperige mit tiefen Schlaglöchern gespickte Straße führte von der Hauptstraße hin zum Dorf, was dazu führte, dass alle im Auto einmal gründlich durchgerüttelt wurden. Eine große Staubwolke folgte jedem Auto, das uns entgegen kam und raubte stets kurzzeitig die Sicht. Im Dorf angekommen setzte Rustem seine Arbeitskollegen ab, die mit im Auto saßen und fuhr die nun wesentlich bessere und neuere Straße zu sich nach Hause. Kinder unterschiedlichen Alters spielten am Straßenrand und schauten neugierig, als wir vorbei fuhren. Rustem wohnte zusammen mit seiner ganzen Familie unter einem Dach. Da gab es seine beiden Eltern, seinen jüngeren Bruder, seine Frau und nicht zuletzt seinen kleinen, nun mitlerweile ein Jahr alten Sohn Alamat, um den sich alle abwechselnd rührend kümmerten. Alamat und Rustems Mutter waren es auch, die uns an der Haustür entgegenkamen. Doch noch bevor der endende Abend genossen werden konnte, wollte die Glaswolle in dem unvollendeten Haus von Rustems Bruder vom Erdgeschoss unter das Dach befördert werden. Im T-Shirt ging es an die Arbeit. Der Rohbau war abgeschlossen, nun wurde mit Glaswolle gedämmt. Es war schweißtreibende Arbeit und dunkel, als wir wieder zurück zu Rustems Haus fuhren, uns gründlich wuschen und dann zu Abend aßen. Rustems Frau hatte gekocht und es gab viele traditionelle Dinge zu probieren. Es wurden Beshbarmak (ein Gericht aus Fleisch, Nudeln und Zwiebeln), Kurut oder auch Kaschk (eine harte, zu runden Kugeln geformte Käsemasse, bestehend aus fermentierter Pferdemilch und viel Salz), ein grober Salat aus Gurke und Tomaten und getrocknete Früchte aufgetischt. Wenn man etwas Trinken wollte, hatte man die Wahl zwischen schwarzem Tee und Kumys, einem Getränk aus fermentierter Stutenmilch. Da die Familie einen von vier kleinen Läden im Dorf führte, war im Vorhof des Hauses immer viel los. Wenn ans Fenster geklopft oder von draußen gerufen wurde, flitzte eines der Familienmitglieder los, um den Kindern Süßigkeiten, oder den Erwachsenen Lebensmittel zu verkaufen. Wie auch schon bei Ruslan beobachtet, wurden auch hier bei Rustem die Schuhe vor dem Haus ausgezogen. Über 70 Prozent der Bevölkerung in Kasachstan ist muslimisch und das Ausziehen der Schuhe gilt als ein Zeichen des Respekts und der Reinheit. Die Nächte waren warm und sobald die Sonne untergegangen war traf man sich vor der Haustür oder auf der davor verlaufenden Straße, um sich mit den Nachbarn zu sozialisieren und auszutauschen und den Kindern beim Spielen zuzusehen. Es gab viele Kinder unterschiedlichen Alters. Zwar konnte ich mich mittlerweile mit ein paar gelernten Wörtern verständigen, diese reichten allerdigs nicht aus, um ein vollwertiges Gespräch zu führen. Dazu nutzte ich immer wieder die Übersetzerfunktion auf meinem Handy. Erst kurz vor Mitternacht ging man zu Bett. Wie die Tage zuvor, wurde eine Kurpacha (Schlafmatte) ausgerollt, auf der ich mich zur Ruhe legen konnte.









Mit einem jauchzenden Lachen wurde ich am 01.07.2025 von Alamat aus dem Schlaf geweckt. Rustem war bereits zur Arbeit aufgebrochen, doch seine Frau, Kind und Eltern weilten daheim. Mein Plan war es, über den Tag, tiefer in das Dorfleben einzutauchen. So verbrachte ich viel Zeit damit, durch das Dorf zu schlendern und die Gegend um das Dorf herum durch ausgedehnte Spaziergänge zu erkunden. Immer noch war es sehr windig und als ich auf einen der umliegenden Hügel stieg, wurde ich fast umgeweht. Die Szenerie war umwerfend. Eingebettet ins hügelige Tal lag das Dorf friedlich inmitten der Steppe. Ich traf auf einen Reiter zu Pferd, der auf dem Weg zum Dorf war, Kühe, Hunde, Gänse, Katzen und viele neugierige Kinderblicke. Zurück im Dorf wurde ich von Rustems Frau zum Essen eingeladen, welches sie gerade gekocht hatte. Drei mal an diesem Tag durfte ich die kasachische Kochkunst kosten. Im Gegenzug dafür passte ich auf ihren Sohn auf. Während ich so mit Alamat auf dem Dreirad an der Straße spielte, kamen immer mehr Kinder und Menschen, die den Ausländer sehen wollten. Schon bald hatte sich eine kleine Menschentraube um mich herum gebildet und ich versuchte so gut ich konnte, die an mich gerichteten Fragen zu beantworten. Der Gang auf das Plumsklo im Garten wurde zur Gewohnheit, ich wusch meine dreckigen Kleider in einem Bottich selbst und am Abend erwartete mich wieder meine harte Kurpacha. Zwei Tage lang hatte ich die Möglichkeit, dank der Gastfreundschaftlichkeit von Rustem und seiner Familie, in das Dorfleben von Krasnosel’skoe einzutauchen. Dafür war ich ihnen sehr dankbar. Diese Erlebnisse waren es, weshalb ich drei Monate zuvor aufgebrochen war, um die Welt zu erkunden.





























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