Je näher ich Mestia kam, desto häufiger hatte ich von der mehrtägigen Wanderung von Mestia nach Ushguli gehört. Während ich am Vortag noch ein wenig unentschieden gewesen war, hatte sich langsam aber sicher herauskristallisiert, dass ich großes Interesse an dieser mehrtägigen Wanderung hatte. Nachdem ich am 08.06.2025 aufgewacht war und etwas gefrühstückt hatte, packte ich Zielstrebig meinen Rucksack. Ich verabschiedete mich von Julia, die am gestrigen Tag bereits Pläne mit Gaja und den anderen am Lagerfeuer geschmiedet hatte und brach auf. Am Supermarkt im Stadtkern kaufte ich 4,5 Liter Wasser, wovon ich drei Liter im Rucksack verdstaute und eine 1,5 Literflasche in der Hand hielt. Auch ein paar Lebensmittel packte ich mit ein. Eine Dose gekochte Bohnen (400g), eine Packung Erdnüsse (500g) – die noch gut gefüllt war, noch aus Istanbul stammte und meine Notration darstellte – zwei Bananen und ein Weißbrot, sollten mich wohl schon durch den Tag bringen. Im nächsten Dorf konnte man seine Vorräte bestimmt aufstocken. Genau wie blauäugig ich Lebensmitteltechnisch und gewichtstechnisch für diesen Trail vorbereitet war, sollte ich am Nachmittag erfahren. Voller Vorfreude stapfte ich los. Ich fühlte mich gut und ich fühlte mich vorbereitet. Ich hatte noch 180 Lari im Portemonnaie und konnte bestimmt etwas in den Dörfern kaufen, durch die ich kommen sollte. Schließlich war dies hier der beliebteste Weitwanderweg Georgiens und wo es Touristen gab, gab es auch immer Geschäfte und eine Möglichkeit zum Essen. Mit diesen Gedanken im Kopf schaute ich auf mein vollgeladenes Handy und die Wanderroute, die vor mir lag. Den Trail hatte ich offline auf Komoot im Vorraus abgespeichert, so würde ich mich auch ohne Internet zurechtfinden können, sollte ich doch einmal falsch abbiegen oder die Orientierung verlieren. So begann die Wanderung, die ich geistig bereits in vier Teile gegliedert hatte, mitten im Zentrum Mestias. Zuerst wanderte ich aus Mestia hinaus in Richtung Nord-Osten auf einen Bergkamm zu, den es an diesem Tag zu überwinden galt. Während mein Wasser in der Hand dahinschmolz und ich von der Sonne von oben durchgebrutzelt wurde, war ich zuerst ganz alleine unterwegs. Nach einer Stunde umgab mich pure Wildnis. Die Idylle war jedoch nur von kurzer Dauer. Andere Wanderer tauchten vor mir auf. Ich passierte Asiaten und Westeuropäer. Als der Anstieg immer steiler wurde, wich die blühende Wiesenlandschaft mit ihrem guten, breiten, begehbaren Weg, einem schmalen, steinigen Wurzelpfad, den man mehr hinaufklettern musste, als das man den Pfad wandern konnte. Das erste mal auf dieser Wandertour wurde mir mein Rucksack auf dem Rücken so richtig schwer. Die ersten 500 Höhenmeter der insgesamt 2500 Höhenmeter auf dieser Tour hatte ich erfolgreich gemeistert. Auf dem Bergkamm legte ich eine kleine, wohlverdiente Rast ein. Während ich an einem stückchen Weißbrot knabberte, kam hinter mir eine braungebrannte, durchtrainierte Frau den Bergweg hinauf. Wir grüßten uns auf Englisch und ich erkannte am Aktzent, dass sie aus dem Deutschsprachigen Raum kommen musste. Und tatsächlich, als ich sie darauf ansprach, erwiederte sie, dass sie aus Österreich komme. Schnell kristallisierte sich heraus, dass Andrea in den letzten zehn Jahren extrem viel in der Weltgeschichte herumgekommen war. Mit Anfang dreißig hatte sie das Reisefieber angesteckt und besonders Wandertouren wie diese, stießen bei ihr auf erhöhtes Interesse. Es war das zweite Mal, dass sie exakt diese Wanderung von Mestia nach Ushguli zu meistern gedachte. Dementsprechend kannte sich Andrea bestens über die Wanderung und ihre Tücken aus und ich war froh darüber meine Wissenslücken stopfen zu können. Wir verstanden uns und liefen tatsächlich ein sehr ähnliches Tempo, sodass wir beschlossen, den Trail zusammen weiter zu wandern. Zu zweit war es immer sicherer, man konnte sich gegenseitig helfen und die Zeit leichter durch Gespräche vertreiben, was die physischen aber besonders die psychischen Belastungen weniger schwer wiegen ließ. Über den restlichen Tag wanderten wir bis nach Chvabiani und trafen auf dem Weg sowohl gleichgesinnte Wanderer, als auch Kühe, Ziegen und Schweine, die unseren Weg kreuzten. Jede Kurve überraschte mit einem neuen Panorama und nicht selten wurde der Fotoapparat gezückt.






Als wir das erste mal zusammen rasteten und Andrea ihren mit Lebensmitteln und Powerfood gefüllten Rucksack vor mir ausbreitete, wurde mir das Ausmaß meiner planerischen Ignoranz bewusst. Andrea hatte Verpflegung für vier volle Tage dabei. Trockenfrüchte wie Datteln reihten sich an Walnüsse, Powermüsli und Energieriegel. Auch eine ganze Tüte Churchkhela waren Teil des Essensrepertoire. Bei Churchkhela handelt es sich um eine georgische Süßigkeit, eine Nusskette, die mit einem Fruchtsaft überzogen und dann getrocknet wird. Sehr Energiereich und äußerst gut geeignet für längere Wanderungen, um die physische Batterie wieder aufzuladen. Da konnte ich mit meinen Bohnen, Erdnüssen und Weißbrot nicht mithalten. Andrea forderte mich auf zuzugreifen, da sie sowieso zu viel Essen dabeihabe, sie hasse es zu hungern. Ich lehnte nicht ab und probierte eine Churchkhela-Nusskette. Auch erfuhr ich von ihr, dass es bis nach Ushguli keine wirkliche Möglichkeit gab Essen aufzustocken. Das war ein Problem, denn ich hatte kein Essen für vier Tage dabei. Allerdings hatte ich gehört, dass das Abendbrot und Frühstück in den abgelegenen Dörfern entlang des Trails reichhaltig und gut sei. Wenn man in einem dieser Gasthäuser übernachtete, konnte man für einen Aufpreis zur Übernachtung auch ein warmes Abendessen und ein Frühstück erhalten. Als wir am späten Nachmittag Chvabiani erreichten, war ich froh, die erste von vier Etappen hinter mich gebracht zu haben. Meine Füße taten weh und ich spürte einen leichten Muskelkater in den Beinen. Laut Komoot war die heutige Tour nur 14 Kilometer lang gewesen – es fühlte sich mehr an. Es war ein Unterschied ob man viele Höhenmeter auf einem steilen Wanderweg zu bestreiten hatte, oder an einer Straße einfach geradeaus gehen konnte. Ich musste mir eingestehen, dass das Herumtragen eines 20 Kilogramm Rucksacks, der für das Trampen ausgelegt war, eine semioptimale Idee darstellte, besonders wenn es viel hoch und runter ging. Dennoch war ich nun hier und ich hatte Hunger. Um unsere Energiereserven wieder aufzufrischen bezahlten wir 55 Lari für Unterkunft und Abendbrot. Ein durchaus deftiger Preis wie ich fand. Aber auch die Betreiber der wenigen Gasthäuser entlang des Wanderweges wussten um die Strapazen der Wanderung, ihren eigenen Wert und das viele Geld der meisten Touristen. Im Gegensatz zum Norden der Türkei herrschte hier auf einmal ein durchaus kapitalistisches Mindset vor, angetrieben durch die beträchtliche Anzahl an Touristen, die jedes Jahr aufs Neue die mehrtägige Wanderung von Mestia nach Ushguli auf sich nahmen. Irgendwie hatte ich heimlich erwartet, ähnlich wie in der Türkei, von Einheimischen eingeladen zu werden … Das Abendbrot war gut und reichhaltig. Während Andrea und ich die Teller leerputzten und nichts übrig ließen, wurden am Nachbartisch Brot und Khachapuri übrig gelassen. Wir warteten bis sich die deutsche Reisetruppe erhoben und die Küche verlassen hatte. Schnell nahm ich eine Servirte und wickelte das übrig gebliebene Essen ein und nahm es mit. Es würde mir als zusätzliche Wegnahrung dienen.





Um kurz nach 8 Uhr in der Früh machten wir uns am 09.06.2025 nach einem kurzen Morgensnack wieder auf den Weg. Der wohl schwerste Teil der Wanderung stand unmittelbar bevor. Knapp 1000 Höhenmeter wollten auf wenigen Kilometern überwunden werden, und das mit 20 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken. Ganz zu Beginn übernahm ich die Führung und gab das Tempo vor, doch schnell bemerkte ich, dass Andrea in dieser Hinsicht erfahrener und sehr gut darin war, ein gutes und konstantes Tempo den Berg hinauf anzuschlagen. Schon bald wechselten wir die Position und ich kämpfte mich hinter ihr die Steigung hinauf. Den wackeligen Grad zwischen Regenerationsvermögen und Belastungvermögen des Körpers haltend, war ich schon bald wieder völlig in Schweiß getränkt. Schritt für Schritt, immer weiter den steilen Bergpfad hinauf … ! Wir legten nur kurze Stops ein, um einige Schlucke Wasser zu trinken, die auf den nächsten Metern direkt wieder ausgeschwitzt wurden und das Momentum nicht zu verlieren. Nach knapp zwei Stunden flachte das Gelände und der Pfad mit ihm endlich ein wenig ab. Wir passierten eine Berghütte, aus der laute Musik drang und wanderten in einem stetigen Tempo weiter den Berg hinauf, bis zum höchsten Punkt der heutigen Strecke. Es war geschafft. Am Berkkamm machten wir Rast und führten uns neue Energie zu. Als ich mein T-Shirt zum Trocknen in die Sonne legte, war es so nass, dass ich es zuerst auswringen musste. Den weiterführenden Teil des zweiten Trailtages ging es nun hauptsächlich seicht bergab. Entlang an bunten blühenden Feldern, Bächen die den Weg kreuzten und überquert werden wollten und anderen Wanderern, auf die man immer wieder mal stieß. Dank dem Tipp, doppelte Socken zu tragen plus ein präventives Blasenpflaster an jede Hacke zu kleben, waren meine Füße in einem guten Zustand, als wir am Nachmittag Adishi erreichten. Mein mitgeführter Proviant war so gut wie verbraucht und ich freute mich auf die Option eines reichhaltigen Abendessens, obwohl Andrea immer wieder großzügig ihren Proviant mit mir geteilt hatte. Wir wurden nicht enttäuscht.







Bestmöglich regeneriert und nach einem ebenso reichhaltigen Frühstück wie Abendbrot, brachen wir am Morgen des 10.06.2025 zur dritten Etappe auf. Pünktlich um 8 Uhr wanderten wir los. Dieses mal allerdings schlängelte sich der Wanderweg zuerst lange leicht ansteigend durch das Tal, bevor er an einem reißenden Bergfluss endete, der überquert werden musste. Auf der Suche nach einer Möglichkeit den Fluss zu Fuß zu überqueren kraxelten wir zunächst eine Zeitlang das Flussbett flussaufwärts entlang. Doch Zeit war heute eine wertvolle Recource und so nahmen wir die Dienste der Lokalen Bevölkerung für 20 Lari in Anspruch und überquerten den stark stömenden Fluss auf dem Rücken eines Pferdes. Schaukelnd aber trocken gelangte jeder so ans andere Ufer. Selbst an der Stelle, an der die Lokals ihre Pferde den Fluss überqueren ließen, war der Fluss über einen Meter tief und die Pferde selbst hatten manchmal Schwierigkeiten den Fluss zu überqueren. Am Ende war ich einfach nur froh drüben zu sein. Die nächsten drei folgenden Kilometer bildeten den letzten großen Anstieg und insgesamt höchsten Punkt der Wandertour. Wie am gestrigen Tag gab Andrea das Tempo vor und Schritt für Schritt ging es den Hang hinauf. Ein fantastischer Ausblick auf Gletscher und umliegende Berge begleitete den Aufstieg.
Bei knapp 2800 Höhenmetern und einer zurückgelegten Strecke von ca. 32 Kilometern überquerten wir den Pass. Von dort an ging es dann wieder hinab ins Tal. Ein wenig zu übermütig endlich den höchsten Punkt der Wanderung hinter mich gebracht zu haben lief ich zügig den Bergpfad hinab. Doch bereits knapp eine Stunde später bezahlte ich den rasanten Abstieg mit einsetzendem Muskelkater und Ermüdungserscheinungen. Besonders meine beiden Oberschenkel waren betroffen. Doch auch eine Pause, um den Energiehaushalt wieder aufzufrischen, brachte nur kurzzeitige Erholung. Der Schaden war angerichtet. Über die nächsten 10 Kilometer vom Bergpass den Bergrücken entlang bis ins Tal verschlimmerte sich der Muskelkater. Einen 20 Kilogramm Reiserucksack mit sich herum zu schleppen zeigte Konsequenzen. Als wir das Dorf Lalkhori erreichten, war für mich klar, dass ich nicht wie am Morgen noch gedacht die restlichen 10 Kilometer bis nach Ushguli würde wandern können. Auch Andrea war der Idee, die letzten Kilometer einfach zu trampen, nicht abgeneigt. Sie war den Weg bereits drei Jahre zuvor gegangen und der Meinung, dass der Weg von hier an sowieso nicht mehr so schön sei. Kurzerhand streckten wir den Daumen raus und das erste Auto hielt und nahm uns direkt mit bis nach Ushguli, welch glückliche Fügung. In Ushguli angekommen, entfaltete der Muskelkater seine volle Wirkung. Weit würde ich nicht mehr laufen können. Ich besaß noch genau 50 Lari, diese gab ich gerne für eine Unterkunft und eine äußerst robuste Abendmalzeit. Während der Nachmittag sich dem Ende zuneigte, begann es heftig zu regnen. Vereinzelt hatte es während des Abstiegs getröpfelt, aber jetzt brach der Regen in Bindfäden begleitet von schwerem Donnergrollen nur so hervor. Ich war wirklich, wirklich froh, dass der Tag sich so gefügt hatte. Fröstelnd und dick eingepackt stand ich am Fenster und beobachtete das Schauspiel. Freiwillig kamen die Kühe und Pferde die hohen, gräsernen Berge hinunter zurück ins Dorf gelaufen, um Schutz vor dem Regen zu suchen. Die Türme Ushgulies verschwanden fast im Regen, der reißende Fluss vor der Haustür tobte und schäumte und ein leckerer Essensgeruch begann mir aus der Küche entgegen zu strömen. Ich setzte mich mit zum Feuer, wärmte mich und beobachtete unsere Gastgeber beim Essenkochen.














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