Der Pamir Highway – Part 2

Von Kalaikhum brachen wir am Morgen des 16.07.2025 in Richtung Bartang Valley auf. Über die nächsten 200 Kilometer ging es immer weiter stetig bergauf, von 1200 auf grob 2400 Höhenmeter. Unser Ziel des zweiten Tages entlang des Pamir Highway war es, das abgelegene Dorf Jizeu zu erreichen. Die Stimmung im Auto war gut und auch unser Fahrer Nurik hatte seinen Spaß, als wir anfingen unsere Lieblingsmusik zu rotieren und die Straßen sich von Asphalt zu Schotter wandelten. Gegen Nachmittag erreichten wir eine aus Stahlseilen und Brettern gezimmerte Brücke. Dort hielt Nurik an. Nur die nötigsten Sachen wie Wasser, ein wenig zu Essen, eine Zahnbürste und die Kamera mitnehmend, machten wir uns zu viert über die wackelige Brücke und einem Flusslauf entlang, den schmalen Pfad den Talrücken hinauf, zum Dorf auf. Zwei Stunden sollte die kleine Wanderung dauern. Wir brauchten etwas länger, da Sissi an einer Lebensmittelvergiftung litt und wir einige Stopps einlegen mussten, damit sie sich regenerieren konnte. Trotz der Stopps, brach Sissi für sich das Abendteuer nach knapp einer Stunde ab und kehrte zurück zu Nurik, der nicht unweit der Brücke mit dem Auto zurückgeblieben war. Dem steinigen Pfad gen Süd-Osten in die Berge folgend, ging es nun etwas zügiger zu Dritt weiter. Den sprudelnden und reißenden Gebirgsfluss zu unserer Linken. Von allen Seiten waren wir von Steinen und Geröll umgeben, nur entlang des Flusses hatten sich Bäume und Gräser ansiedeln können. Immer weiter das Tal hinauf und schließlich dann doch durch grünere Vegetation, fürte uns der Pfad. Es dämmerte bereits, als wir Jizeu Village erreichten und herausfanden, warum es hier grüner war. Das kleine Dorf lag in der Mitte des Tals, am Rande eines klaren Sees, der türkis-blau schimmerte. Nach ein wenig Suchen fanden wir die für uns vorgesehene Unterkunft in einem aus Steinplatten gezimmerten Haus mit Flachdach. Während wir aufgefordert wurden uns auszuruhen und auf das Abendbrot zu warten, schnappte ich mir meine Kamera und erkundete das kleine tadschikische Bergdorf. Verfolgt von neugierigen Kinderblicken wurde mir plötzlich ein Volleyball zugeworfen, sodass ich die Zeit bis zur Fertigstellung des Essens damit verbrachte, den Ball den Kindern zuzuspielen. Wir hatten einen Heidenspaß und das Gelächter und Gekreische der Kinder hallte durch das Dorf. Erst als ein Erwachsener des Dorfes auftauchte und erklärte, dass das Abendbrot bereit stünde, konnte ich mich von der grinsenden und lachenden Meute loseisen. Das Essen war nichts außergewöhnliches, dennoch war ich überrascht, welche Essensvielfalt in einem so abgelegen Teil der Erde geboten wurde. Nüsse, Rosinen, Brot und eine derbe Suppe standen bereit. Trotz meiner aus Samarkand noch anhaltenden Lebensmitzelvergiftung verschlang ich alles, was ich als schmackhaft erachtete.

Am Morgen des 17.07.2025 wachte ich früh auf, waren wir ja bereits erschöpft kurz nach Einbruch der Dunkelheit am Vortag in unsere Bettlager geklettert. Es war kurz nach sechs Uhr am frühen Morgen, als ich die Unterkunft verließ und die nördliche Talwand emporstieg, um den Blick auf das Dorf Jizeu und die umliegenden Berge bei Sonnenaufgang zu genießen. Wie ein Schwamm sog ich die wundervollen Momente in mich auf und erkundete die Umgebung um Jizeu bevor ich zwei Stunden später zum Frühstück ins Bergdorf zurückkehrte. Der anschließende Abstieg zurück zur Brücke und zu unserem Fahrer Nurik verlief zügig und ohne Probleme. Kurz bevor Jennifer, Jonny und ich die Brücke erreichten trafen wir auf Sissi, die am Rand des Flusses hockte, kurz davor ins erfrischende, kühle Nass zu springen. Schnell taten wir es Sissi gleich, entledigten uns unserer Kleider und wuschen den Schweiß durch einen gezielten Sprung ins eiskalte Wasser ab. Man konnte nur einige Sekunden im Wasser bleiben, bevor sich alles zusammenzog und der Körper vor kälte schmerzend rebellierte. Von Sissi erfuhren wir, dass sie es am Vortag sicher zurückgeschafft und mit Nurik in einem anderen nicht weit entfernten Dorf die Nacht verbracht hatte. Wieder angezogen, erfrischt und zurück im Landcruiser, ging es zu fünft in Richtung Khorog, die wohl größte Siedlung, auf unserem Weg nach Osch in Kirgistan. Neben Sissi litt auch Jonathan mittlerweile an einer Lebensmittelvergiftung und wenn man meine von Samarkand mit dazu zählte, waren wir zu Dritt in unserem Elend. Nur Nurik und Jennifer hatte es noch nicht erwischt. Nurik kam aus Tadschikistan und war das Essen gewohnt, während Jennifer bisher mit Argusaugen darauf aufgepasst hatte, was sie zu sich nahm. So entschieden wir als Kollektiv den Tag in Khorog ruhig ausklingen zu lassen. Die Unterkunft, die wir in Khorog anfuhren, war ein absolut geeigneter Platz für unser Vorhaben. Das große und weiträumige Haus lag etwas außerhalb der Stadt, es gab andere Reisende, mit denen man sich austauschen konnte und Obstbäume mit reifen Früchten im überschuss, die einfach gepflück und gegessen werden konnten. Die Kinder der Hostelbesitzer waren Feuer und Flamme uns den Garten und das gesamte Gelände rund um das Haus zu zeigen. Natürlich umfasste die Rundtour das ausgiebige Naschen von Aprikosen, Pfirsichen, Mirabellen, Kirschen und Äpfeln, das Streicheln des Hundes, das Scheuchen der Hühner, das Begutachten der Kühe und das Füttern des Pferdes. Zum Abendbrot gab es dann eine äußerst leckere vegetarische Suppe – wir hatten beschlossen uns von nun an, falls möglich, fleischlos zu ernähren. Zum krönenden Abschluss spielten wir noch eine Runde Karten unter einem orientalisch anmutenden Baldachin, bevor wir uns müde zurückzogen und schlafen gingen.

Der Morgen des 18.07.2025 startete mit einem Besuch im Krankenhaus. Jonathan hatte die Lebensmittelvergiftung über die Nacht hart getroffen und nun fieberte er und brauchte dringend Hilfe. Auf der Suche nach einem Arzt und Arznei fuhren wir nach dem Frühstück mit Jonny ins Krankenhaus und erneuerten gleichzeitig auf dem Markt unseren Vorrat an Bananen. Bananen hatten sich als äußerst hilfreich erwiesen, wenn es um Individuen ging, die an einer Lebensmittelvergiftung litten. Sie waren nahrhaft, leicht verträglich und stopften. Nachdem Jonny sein Antibiotikum erhalten hatte, setzten wir unsere Reise fort. Anstatt jedoch wie die meisten Reisenden dem Pamir Highway durch das Innere des Landes zu folgen, verließen wir die zentral gelegenen Bergemassive Tadschikistans und schlugen eine andere, südlichere Richtung ein. Auf der nördlichen Seite des Flusses Panj oder auch Pandsch steuerten wir den Wakhan Korridor an und folgen dem Panj immer weiter Flussaufwärts. Der Fluss bildete die natürliche Grenze zwischen Afghanistan und Tadschikistan und wir trafen auf viele Militärpatroullien und wurden häufig angehalten und kontrolliert. Die Mitglieder des Militärs waren häufig sehr jung und wenn sie mit ihrer AK-47, dem Maschinengewehr oder ihrer Sniperrifle am Fluss entlangschritten konnte man die Anspannung zwischen den zwei Ländern spüren. Wenn nicht patroulliert wurde, wurde an einem Abwehrzaun am Fluss oder an Schutzwällen aus Stein gearbeitet. Nur langsam kamen wir auf der schlecht befestigten Schotterstraße voran, während links und rechts von uns mächtige Berge zum Himmel empor ragten. Manchmal konnten wir auf der afghanischen Seite ein Bauerndorf mit emsigen Menschen ausmachen und manchmal eine Ansiedlung von Gerätschaften und kleinen Hütten, die dem Goldschürfen gewidmet waren. Wir hatten gehört, dass das Schürfen von Gold im Interesse der Taliban lag, um ihren Einfluss im Land Afghanistan zu festigen. Über einhundert Kilometer folgten wir mit dem Geländewagen der Straße dem Fluss entlang, kamen an zwei alten Burgen aus dem zwölften Jahrhundert vorbei – Ishkashim und Yamchun Fortress – und bewunderten die atemberaubende, sich vor uns stetig wandelnde, fast außerirdisch anmutende Landschaft. Zum Abschluss des Tages besuchten wir die Bibi Fatima Hot Springs. Die Sonne war bereits hinter den Bergen verschwunden und es wurde langsam dunkel. Dies hielt uns aber nicht davon ab, in die heißen Quellen einzutauchen und den Staub des Tages abzuwaschen und einen Moment der Ruhe zu genießen, in dem man nicht im Wagen hin und her geschleudert wurde. Im Schutze der Nacht erreichten wir das Dorf Langer auf 2900 Metern, verschlangen eine leckere Gemüsesuppe mit Brot und gingen danach recht zügig zu Bett, denn die anstehende Wanderung am fünften Tag der Pamir Highwaytour würde anstrengend werden.

Wie geplant begannt der 19.07.2025 früh. Kurz nach Sonnenaufgang schälten wir uns aus unseren Betten und bereiteten uns auf den Aufstieg vor. Jonny ging es immer noch sehr schlecht und würde den Tag im Homestay verbringen. Tatsächchlich wurden wir vom Unterkunftsbetreiber kurz vor Wanderungsbeginn noch gebeten, doch bitte in eine andere Unterkunft zu wechseln, da unser kleines Räumchen für den Abend für eine andere Gruppe gebucht worden war. Durch dieses Missverständnis verloren wir kostbare Zeit am Morgen. Ein wenig verwirrt kamen wir der Aufforderung nach und fanden ein paar Kilometer weiter eine gemütliche Unterkunft für die bevorstehende Nacht. Dann ging es los. Ich hatte mir von Jonny seinen kleinen Rucksack ausgeliehen und nahm nur Kamera, Hut, Mütze, ein paar Snacks und genüged Wasser mit. Mit zwei kleinen Wasserflaschen in jeder Hand, die wir noch zusätzlich erstanden hatten, fuhr uns Nurik bis zum Trailstart, von wo es dann zu Fuß den Berg hinauf zu kraxeln galt. Zu dritt starteten wir den Aufstieg. Da auch Sissi womoglich noch an der Lebensmittelvergiftung litt, war sie etwas langsamer den Bergrücken hinauf unterwegs als Jennifer und ich. Zuerst versuchte ich auf Sissis Tempo zu achten, doch fiel sie immer weiter zurück. Schließlich beschlossen Jennifer und ich unser Tempo zu halten und verloren Sissi bald aus den Augen. Sissi hatte jedoch als Einzige von uns die heutige Wandertour auf ihrem Handy gespeichert und so orientierten wir uns bald einfach nur noch am schmalen Pfad, der vor uns lag. Sissi war hart im Nehmen und wir waren sicher, sie würde den Weg auch ohne uns finden. Außerdem waren wir nicht allein. Auch andere Wanderer waren an diesem Morgen zu den Meadows am Fuße des Engels Pik aufgebrochen. Der Aufstieg war steil und anstrengend. Die Sonne brannte von oben herab und ich war froh meinen Hut mit der großen Krempe auf dem Kopf zu wissen, der mich vor der gröbsten Sonneneinstrahlung schütze. Wir passierten jahrtausende alte Petroglyphen, wovon einige zu modern und hell auf dunklem Stein glänzten, als dass sie wirklich mehrere tausend Jahre alt sein könnten. Ich vermutete ein Streich der lokalen Bevölkerung oder der Touristen. Wir kamen and Eseln vorbei, die an einem kleinen Bachlauf tranken und beobachteten Adler, die nicht weit über uns ihre Kreise zogen. Gegen Mittag erreichten wir eine Weggabelung. Da wir nicht wussten wo der Weg zum Engels Pik entlang führte, keine Beschilderung zu finden war und ebenso keine Personen in der Nähe, die man hätte fragen können, entschieden Jenniffer und ich, einfach die am nächsten gelegene Bergkuppe zu erklimmen, dort zu rasten und von der Erhöhung wieder den Rückweg ins Tal in Angriff zu nehmen – gesagt, getan. In etwa eine Stunde später standen wir an der angepeilten Stelle und schauten ins Tal hinab. Die Aussicht auf das weitläufige Tal und die anliegenden Bergzüge genießend rasteten wir auf exakt 4000 Metern Höhe. Von der Stelle aus an der wir standen, konnte man auf drei Länder gleichzeitig schauen. Afghanistan lag schräg zur Rechten hinter dem ausgedehnten Flusstal in süd-westlicher Richtung. Pakistan lag etwas weiter zur linken Seite, einen Gebirgszug weiter, in Rchtung Süd-Osten. Wir selbst standen in Tadschikistan. Der Anblick war atemberaubend schön und schroff. Lange konnten wir allerdings nicht rasten, da ein stetig-kühler Wind wehte und uns bald auskühlte. So kraxelten wir die Bergkuppe wieder hinab bis zu der Stelle, an der wir nicht weiter gewusst hatten. Dort trafen wir dieses mal tatsächlich auf andere Wanderer, von denen wir erfuhren, dass wir zum Engels Pik rechts, anstatt links hätten abbiegen müssen. Während Jennifer entschied den Abstieg weiter fortzusetzen, beschloss ich die Route bis zu den grünen, saftigen Hügeln des Engels Pik wie geplant weiter zu verfolgen. Dies bedeutete zusätzliche zehn bis fünfzehn Kilometer für mich. Aber ich würde mich nicht lumpen lassen. Nun ganz auf mich allein gestellt, schlug ich ein scharfes Tempo an, denn es war bereits spät. Auf halbem Wege zu den Meadows kam mir Sissi in Begleitung zweier Franzosen entgegen, auf die wir bereits in Khorog getroffen waren. Kurz tauschten wir uns aus, dann ging es fluchs weiter. Langsam aber sicher machten sich die Muskeln in meinen Beinen bemerkbar. Ich hatte nur noch wenig Wasser und ich musste mit dieser Recource haushalten. Kurz vor 18:00 Uhr erreichte ich die Hochebene mit Blick auf den Engels Pik. Leider war es zu spät, um noch bis zum See selbst vorzudringen, was weitere Kilometer bedeutet hätte. Außerdem war ich vom vorherigen Aufstieg mit Jennifer zur Bergkuppe mehr erschöpft, als ich mir eingestehen wollte. Ausgepowert und kraftlos suchte ich mir eine Stelle wo ich verschnaufen konnte und bewunderte das Lichtspiel auf dem Bergfluss, der die letzten Sonnenstrahlen des Tages einfing. Ich war froh es doch noch bis hierhin geschafft zu haben. Fluchs zückte ich meine Kamera und schoss ein paar Bilder, bevor ich sie wieder wegsteckte und den Moment genoss. Fast ganz alleine befand ich mich in einer abgelegenen Bergregion in Tadschikistan. Nur ein paar Kühe und Ziegen grasten am Fluss, die alsbald von zwei Hirten in Richtung See getrieben wurden. Während die Sonne langsam hinter den Bergen verschwand, wurde es schnell deutlich kühler. Bis zu dem Platz an dem ich nun Rast gemacht hatte, war ich knapp neun Stunden unterwegs gewesen. Nun galt es die gesamte Strecke bis ins Tal wieder zurück zu wandern. Gott sei Dank werden beim Aufstieg und beim Abstieg unterschiedliche Muskelgruppen in den Beinen angesprochen und so sprintete ich innerhalb von zwei Stunden bis zurück zum Startpunkt. Dort wartete bereits Nurik auf mich, mit dem ich zusammen zurück zur Unterkunft fuhr. Nun völlig ausgelaugt freute ich mich aufs hoffentlich reichhaltige Abendessen, nach welchem ich auf einen erholsamen Schlaf hoffte.

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