Der Pamir Highway – Part 1

Von Samarkand reiste ich am 13.07.2025 nach Duschanbe, die Hauptstadt Tadschikistans. Während ich noch am Morgen der Familie beim Brotbacken zusehen durfte und selbst ein halbes Brot zugesteckt bekam, befand ich mich gegen Mittag bereits außerhalb Samarkands auf dem Weg zur tadschikischen Grenze. Bevor ich jedoch die Grenze erreichen konnte, wurde ich unverhofft auf eine Abkühlung und Wassermelone eingeladen. Zusammen mit einer ganzen Truppe usbekischer Männer genossen wir das kühle Nass eines Ausläufers des Serafschan und anschließend die erfrischende und schnell schrumpfende Wassermelone. Auf Zuggleisen ging es danach wieder zu Fuß zurück gen Straße. Die Grenzüberquerung nach Tadschikistan verlief reibungslos, nur mein rumorender Magen meldete sich ab und an, um kundzutun, dass die Milchsuppe am Morgen nicht gut getan hatte. Nach der Grenzüberschreitung am späten Nachmittag lagen noch gute 250 Kilometer bis Duschanbe vor mir. Die frisch eingetauschten tadschikischen Somoni in der Tasche – zehn Somoni waren in etwa einen Euro wert – lief ich wie bereits gewohnt, an den vielen, freundlich-überteuerten Taxiangeboten vorbei, bis ich schließlich einen Lift für lau nach Pandschakent erwischte. Dort musste ich jedoch einsehen, dass ich es ohne Taxi an diesem Tag nicht bis nach Duschanbe schaffen würde. Doch mein Zeitplan war ausnahmsweise strikt und so kam es, dass ich für 130 Somoni ein geteiltes Taxi nach Duschanbe nahm. Von der Grenze bis nach Pandschakent waren die Preise für eine Fahrt nach Duschanbe von horrenden 350 Somoni auf 250 Somoni und schließlich auf 150 Somoni gefallen und als sich gleich mehrere Taxifahrer in Pandschkent um mich scharten und um meine Gunst als Fahrgast buhlten, fiel der Preis bis auf 130 Somoni. So schaffte ich es am Abend des 13.07.2025 doch noch rechtzeitig bis nach Duschanbe, obwohl die Taxifahrt alles andere als ungefährlich verlief. Mit wahnwitzigem Tempo raste der Taxifahrer in der einbrechenden Dämmerung die enge Straße gen Duschanbe entlang, wobei er mehr Zeit auf der Gegenspur, als auf der eigentlichen Fahrbahnseite verbrachte. Aufwirbelder Staub und eine damit einhergehende schlechte Sicht machten es schwer den Gegenverkehr zu erkennen und nicht nur einmal musste der Fahrer scharf abbremsen und zügig einscheren, bevor ein Lastwagen das Taxi knapp verfehlte. Der Grund für meine zügige Reise gen Duschanbe war folgender: Ohne viel Nachdenkens und dem Moment folgend, war ich über die letzten Tage immer weiter gen Süd-Westen abgedriftet – von Schymkent über Taschkent bis nach Samarkand. Ich war sozusagen in die entgegengesetzte Richtung meines eigentlichen Reiseziels – der Mongolei – unterwegs gewesen. Dies galt es zu ändern. Auf der Suche nach einer passenden Reiseroute, die mich wieder gen Nord-Osten führen würde, war ich bei meiner Recherche auf den Pamir Highway gestoßen, der von Duschanbe in Tadschikistan über die Hochebenen des Landes gen Osch nach Kirgistan führte. Ebenso hatte ich in Erfahrung gebracht, das das Trampen des Pamir Highways zwar möglich, aber mit diversen Risiken verbunden war. Da der Highway teilweise sehr abgelegene Regionen entlang der afgahnischen Grenze passierte, bestand die Möglichkeit für mehrere Stunden, ja gar Tage, hängen zu bleiben. Im Internet hatte ich in verschiedenen Foren und Blogs von Reisenden gelesen, die mehrere Tage am Straßenrand gewartet hatten, ohne mitgenommen zu werden. Wasserknappheit und Lebensmittelvergiftungen waren keine Seltenheit und schließlich war man als Reisender dann doch irgendwann gewillt Geld zu zahlen, um irgendwie mitgenommen zu werden und weiter zu kommen, ein Umstand, den die einheimische Bevölkerung zu ihrem Vorteil zu nutzen wusste. So gab es Trampende, die schlussendlich für die Reise von Duschanbe nach Osch mehr Geld bezahlt hatten, als eine gebuchte Tour gekostet hätte. Ich hatte die Fürs und Widers gründlich abgewogen und war zu dem Entschluss gekommen, dass ich eine gebuchte Tour entlang des Pamir Highways ausnahmsweise dem Trampen vorzog. Nicht nur waren die Ungewissheiten entlang des Highways erdrückend, auch mein rechter Fuß brauchte dringend eine Pause. Seit der Wanderung von Mestia nach Ushguli nagte ein ständiger, ziehender und zerrender Schmerz an der Innenseite meines rechten Fußes, der mit der Zeit immer stärker wurde. Durch das fast tägliche, ständige Laufen mit dem schweren Rucksack auf dem Rücken, hatte mein Fuß kaum eine Chance, sich vernünftig zu regenerieren. So hatte ich Samarkand spontan eine neuntägige Tour von Duschanbe nach Osch gebucht, die am Morgen des 15.07.2025 starten würde. Ich hoffte, dass ich durch die Tour genug Gelegenheit zum Kraftschöpfen fand, außerdem war es vorrübergehend angenehm zu wissen, wo man die nächsten Tage übernachten würde.

Einer zugesendeten Liste folgend, verbrachte ich den 14.07.2025 in Duschanbe damit, mich auf die kommenden neun Tage vorzubereiten. Zehn Liter Wasser, Tücher zum säubern und desinfizieren der Hände und Essen und Snacks für unterwegs wollten gekauft werden. Ein Detail, dass mir in Dushanbe besonders auffiel, waren die zahllosen grünen Taxis, die knapp die Hälfte des Verkehrs ausmachten. Am Abend checkte ich dann im Greenhouse Hostel ein, wo sich bereits die anderen drei Tourgäste aufhielten. Am Morgen des 15.07.2025 ging es dann los. Pünktlich um neun Uhr trafen Jonny, Jennifer, Sissi und ich uns vor dem Hostel und wurden von Nurik, unserem tadschikischen Fahrer, in einem weißen, in die Jahre gekommenen Toyota Landcruiser, abgeholt und eingeladen. Jonathan kam aus Irland, Jennifer aus den USA, lebte aber in England und Sissi aus Finnland. Für den ersten Tag unserer Reise fiel die Rolle des Beifahrers auf mich, während die anderen drei auf der Rückbank des durchaus geräumigen Landcruisers Platz fanden. Damit jeder der Reisenden einmal in den Genuss des Beifahrersitzes kam, hatten wir beschlossen, täglich die Sitzplätze zu rotieren. Über die nächsten Tage würden wir viel und dicht beieinander hocken, und so würde jeder von uns einmal oder auch zweimal seine Ruhe vor den anderen Reisegästen haben. Jennifer war die Älteste, Jonny war mit 32 Jahren so alt wie ich und Sissi die Jüngste, während unser Fahrer Nurik die zwanzig Jahre bereits geknackt hatte. Noch bevor wir Duschanbe hinter uns lassen konnten, mussten Kopien sowohl vom Reisepass, als auch vom Pamir-Highway-Permit erstellt werden. Glücklicherweise hatte sich die Reisegesellschaft noch während ich in Samarkand buchte, für einen fairen Aufpreis, um die Pamir-Highway-Befugnis kümmern können, die jeder Reisende vorweisen musste, der sich auf den Weg entlang des Highways durch die Berge machte. Mit ausreichend Kopien des Reisepasses und Permits befaffnet – über zehn Kopien je Dokument – ging es endlich los. Wir waren keine fünf Minuten unterwegs und noch mitten in Duschanbe, als wir bereits das erste mal aus dem Verkehr gezogen und überprüft wurden. Die Polizei – so erklärte uns Nurik in gebrochenem Englisch – sei in Tadschikistan sehr korrupt, und die weißen Landcruiser, die haupsächlich Touristen transportierten, ein beliebtes Ziel für Polizeikontrollen einen kleinen Zusatzverdienst unter der Hand einzufahren. Zähneknirschend langte Nurik in sein pinkes Portemonnaie in der Beifahrerklappe und entnahm 100 Somoni. Noch viele Male würde Nurik in den nächsten neun Tagen die Klappe öffnen und Bestechungsgeld entnehmen müssen, um uns Alle wohlbehalten durch Checkpoints, Grenzkontrollen und willkürliche Polizistenkontrollen wie diese hier zu bringen. Schmierte man nicht, so konnte man längere Zeit ohne Grund festgehalten werden, während vorgegeben wurde, dass die Papiere noch untersucht und gecheckt wurden, oder womöglich sogar inkorrekt waren. Um sich all dies zu sparen, half manchmal ein einfacher Handschlag, der mehr enthielt, als nur Freundlichkeit. Über den Verlauf des Tages fuhren wir 350 Kilometer von der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe in Richtung afghanische Grenze und dann immer weiter an der Grenze entlang, bis wir am Abend Khalaikhum erreichten. Während wir immer weiter in die Berge fuhren und die Landschaft sich langsam in ein steiniges Panorama verwandelte, machten wir nur ein paar mal Halt. Den ersten Stopp legten wir ganz in der Nähe des beeindruckend wieder aufgebauten Hulbug Palasts aus dem elften Jahrhundert ein. Zwar konnten wir den Palast nur von außerhalb betrachten, da er am heutigen Tage aus unerklärlichen Gründen für Touristen geschlossen war, dafür bekamen wir eine umso mysteriösere Museumsführung, direkt auf der anderen Straßenseite. Dabei schien es bei der Museumsführung fast mehr um unseren Führer selbst zu gehen, als um den Hulbug Palast. Stolz wurden im blauen Licht der gedämmten Fenster Artefakte und Gefäße präsentiert, die wohl gut über eintausend Jahre alt waren und ehe wir uns versahen dazu animiert, die angeblich historischen Artifakte in die Hände zu nehmen, um für ein Photo zu posieren. Widerstrebend, ungläubig und mit schwitzenden Händen folgten wir den Anweisungen unseres Museumsführers, der einfach ein paar sehr brüchige Vasenähnliche Gefäße aus einer Vitrine entnommen hatte und nun herumreichte. Zum krönenden Abschluss der Museumsführung musste ich noch mit einer langen Stange ein paar gelbe, jedoch köstliche Äpfel draußen vom Baum zaubern, die uns auf der Weiterfahrt als Snack dienten. Nur konnten wir leider nicht weiter fahren, da der Landcruiser nicht mehr ansprang – äußerst gute Voraussetzungen, um in eine der abgelegensten Bergregionen der Welt vorzustoßen. So gut ich konnte, versuchte ich Nurik beim Finden des Problems unter  die Arme zu greifen. Sollten wir tatsächlich irgendwo in den Bergen mit dem Auto liegen bleiben, war es nicht von Nachteil, das Auto besser kennen zu lernen. Fast eine Stunde später war das Problem gelöst. Durch die Hitze hatte sich Druck im Treibstofftank angestaut, der das Anspringen des Motors verhinderte. Das Öffnen und Lüften des Tankdeckels behob das Problem. Wir stiegen wieder ein und fuhren weiter. Als wir das zweite mal anhielten, befanden wir uns auf dem ersten Hochplateau des Pamir Gebirges, mit einem ersten surrealen Ausblick, der uns einen Vorgeschmack auf das gab, was noch auf uns wartete. Dem Shurobod Pass folgend erreichten wir schließlich Khalaikhum, wo wir von einer Horde Kinder mit den Worten „What is your name?“ und „Where do you come from?“ empfangen wurden. Zuerst dachte ich mir die Kinder könnten gutes Englisch sprechen, wurde aber schnell eines besseren belehrt, als sich die zwei Sätze immer wieder wiederholten. Da viele Touristen in beide Richtungen des Pamir Highway unterwegs waren, dienten die Sätze wohl dazu, das Eis zwischen den Touristen und der einheimischen Bevölkerung zu brechen und waren vermutlich auch das wenige Englisch, das die Kinder je zu hören bekamen. Doch nicht alle Blicke und Gesten waren freundlich. Immerhin war ich froh, dass wir langsam die unerträgliche Hitze des Sommers hinter uns im Tal zurück ließen und auch in den kommenden Tagen weiter und höher in die Berge fahren würden. Je höher wir fahren würden, desto kühler würde es werden und auch der Umstand, dass alle in unserer Reisegruppe tatsächlich fließend Englisch sprachen, würde unsere Zeit zusammen entlang des Pamir-Highways bedeutend vereinfachen.

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