Am Vormittag des 07.07.2025 verließ ich zu Fuß Schymkent und versuchte mein Glück nach Taschkent zu trampen. Zuerst musste ich jedoch an den Horden von Taxifahrern vorbei, die versuchten mich aufzuhalten und mich als potentiellen Fahrgast zu gewinnen. Entschieden lehnte ich alle Versuche ab und folgte der Staße in Richtung Taschkent weiter aus der Stadt hinaus. Die penetranten Taxifahrer wurden weniger und gleichzeitig stieg meine Chance auf einen kostenlosen Lift. Grob eine Stunde später wurde ich von einem Kleinbus für umsonst eingesammelt und direkt bis an die Usbekische Grenze gebracht. Sogar ein kaltes Wasser wurde mir vom Fahrer zugeschoben mit den Worten „Kasachstan“. Der Grenzübergang Kaplanbek nach Usbekistan zu dem ich gebracht worden war, war menschenüberlaufen, da der eigentliche Grenzübergang Zhybek Zholi seit einiger Zeit geschlossen war. Trotz vieler Menschen lief die Grenzüberquerung recht reibungslos ab. Endlich in Usbekistan waren es nur noch wenige Kilometer bis nach Taschkent. Der selben Taktik wie aus Schymkent hinaus folgend, distanzierte ich mich erst wieder ein bis zwei Kilometer von der Grenze, bevor ich den Daumen raus hielt und erzielte den selben Erfolg. In der Innenstadt tauschte ich so schnell wie möglich meine restlichen Kasachischen Tenge für Usbekische So’m ein und war plötzlich mit noch größeren Zahlen als bereits in Kasachstan konfrontiert. Ein Euro waren grob 14500 So’m wert. Wie schon in Kasachstan war das Bus- und Bahnfahren innerhalb der Stadt äußerst erschwinglich und kostete nur 3000 So’m. So konnte ich mich die nächsten Tage zügig durch die Stadt bewegen. Besonders die Metro war extrem schnell und praktisch. Wie besprochen traf ich mich am Abend mit Artem, bei dem ich zwei Tage lang übernachten konnte. Die Kehrseite der Medallie war jedoch, dass ich ebenso früh wie er aufstehen und mit ihm das Appartement verlassen musste, da Artem von früh bis spät arbeiten musste. War Artem Daheim, so unterhielten wir uns ausgedehnt über globale Themen und Politik, war Artem am Arbeiten, so trieb ich mich in der Stadt um und erkundete Taschkent ausgiebig. Angefangen beim Amir-Temur-Platz und dem Staatlichen-Temuridenmuseum über den Chorsu-Basar und den Hazrati-Imam-Komplex bis hin zum Tavlat-Tabiat-Museum, nichts war vor mir sicher. Besonders der Chorsu-Basar und der Hazrati-Imam-Komplex waren interessant. Während man auf dem Basar vom Huhn bis zur traditionellen Kleidertracht alles erstehen konnte, was das Herz begehrte, so war der Hazrati-Imam-Komplex eine einzige riesige Baustelle, im Begriff einmal vollkommen neu renoviert und modernisiert zu werden. Zum Abschluss des Tages besuchte ich noch aus Jux die gerade neu eröffnete Tashkent-City-Mall. Die nigelnagelneue Einkaufsmeile strotzte nur so vor Prunk, Markengeschäften und teuren Autos, die in der Mall ausgestellt wurden und schien der neue Magnet innerhalb Taschkents zu sein. So viel Luxus hatte ich ehrlich gesagt nicht in Usbekistan und Taschkent erwartet und verstand ein wenig, warum die Menschen dorthin strömten. Sie waren stolz auf ihr Land, dass es so weit gekommen war.



























Als ich am Abend des 08.07.2025 zu Artem in die Wohnung zurückkehrte, fragte er mich, ob ich mich denn bereits registriert habe. „Wie registriert?“ fragte ich plötzlich hellwach zurück. Artem erzählte mir, dass sich jeder Reisende innerhalb von 72 Stunden nach dem Grenzübertritt nach Usbekistan registrieren musste und dass es extrem hohe Strafen gab, wenn man die Registrierung vergaß oder absichtlich unterließ. Der Staat wollte wissen wo sich die Menschen im Land aufhielten. Die einfachste Methode, so Atrem, sei es einfach ein Hostel zu buchen. Das Hostel war verpflichtet die Registrierung zu übernehmen. So machte ich mich am Morgen des 09.07.2025 auf die Suche nach einem Hostel, um mich nach bereits über zwei Tagen in Usbekistan noch rechtzeitig registrieren zu lassen und so möglichen Problemen aus dem Weg zu gehen. Die Intention bis zu 10000 Euro zu verlieren, weil ich nicht gewusst hatte, dass man sich im Land registrieren musste, lag mir fern. Auf dem Weg zum Hostel fiel mir das erste mal so richtig die hohe Präsenz der Polizei und des Militärs in der Stadt auf. In einem Abstand von grob hundert Metern stand ein Mann neben dem Anderen in Uniform and der Straße, an einen Baum gelehnt, im Schatten hockend oder im Gespräch mit einem Kollegen oder Zivilisten. Auch ich wurde zwei mal angehalten und gefragt, wo es denn hin ginge. Glücklicherweise war der Registrierungsprozess im Hostel kein großes Problem und war schnell über die Bühne. Zum Mittagessen versuchte ich das erste mal Plov – auch unter den Synonymen Pilaw, Pilaf, Pilav, Pilau oder Palau bekannt. Plov ist ein traditionelles sehr lockeres, orientalisches Reisgericht. Der langkörnige Reis wird mit Zwiebeln, Gemüse nach Wahl und einer gut gewürzten Brühe angerichtet und gelegentlich mit ein paar zusätzlichen Fleischstückchen serviert. Das Plov, das ich serviert bekam war allerdings sehr ölig. Erst in Samarkand sollte ich wirklich gutes Plov zu schmecken bekommen.



Am Morgen des 10.07.2025 verließ ich Taschkent. Abermals musste ich mich beim Verlassen der Stadt durch eine Horde verzweifelter Taxifahrer kämpfen. Doch auch dieses mal blieb ich stark und meinen Prinzipien treu. Außerhalb der Stadt, als die Taxifahrer weniger wurden und der Verkehr nunmehr geordnet in eine Richtung floss, wagte ich es, meine Hand und meinen Daumen wieder auszustrecken. Drei mal wurde ich verschwitzt an diesem heißen und sonnigen Sommertag aufgesammelt, bis ich Samarkand erreichte. Zusammen mit dem ersten Fahrer trank ich zwischendurch am Straßenrand eine Schale erfrischenden Ayran – den besten Ayran, den ich bis dato kosten durfte – während der dritte Fahrer die letzten 200 Kilometer so aggressiv und dicht auffuhr, dass ich froh war, als ich in Samarkand endlich aussteigen konnte. Aufgrund der aggressiven und schnellen Fahrweise erreichte ich Samarkand jedoch bereits am späten Nachmittag – früher als erwartet – und hatte noch genügend Zeit die Stadt ein wenig zu erkunden, bevor ich mich auf die Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit machen musste. Mein erster Eindruck von Samarkand war: Diese Stadt ist reich und touristisch. Während Taschkent als Haupstadt Usbekistans das Land regierte schien Samarkand das Vorzeigejuwel des Landes zu sein. Wie ein Magnet zog es die Touristen an. Es gab weite, moderne, bei Nacht beleuchtete Straßen zu bestaunen, große Parks und natürlich die vielbesuchten Moscheen und Mausoleen. Als ehemaliger Knotenpunkt der Seidenstraße strotzte die Stadt nur so in ihrem historischen Erbe. Dies wurde natürlich ausgenutzt und die Preise für die Sehenswürdigkeiten waren entsprechend hoch – im Schnitt fünf mal so hoch, wie für die lokale Bevölkerung. Damit die Touristen jedoch nicht ganz ausgenommen wurden, gab es eine Tourist-Police, bei der man sich melden konnte, wenn man doch den Verdacht hatte, übers Ohr gehauen worden zu sein. Nachdem ich zu Fuß den historischen Stadtkern Samarkands erreicht und mich fürs erste grob satt gesehen hatte, checkte ich vorsorglich in ein Hostel ein, um mich in Samarkand zu registrieren.










Am Folgetag, dem 11.07.2025, genoss ich das morgentliche, im Hostelpreis eingeschlossene, leckere Frühstück, ließ alle meine Habseligkeiten im Hostel zurück und machte mich auf, Samarkand eingehender zu erforschen. Angefangen bei Ulug-Begs Observatorium und dem Siyob Bazaar über die Bibi-Khanum Moschee bis hin zur Hauptattraktion Samarkands, dem Registan Square mit seinen drei beeindruckenden Madrasas (islamischen Hochschulen) ließ ich die Stadt auf mich wirken. Die Madrasas und Moscheen Samarkands waren wirklich beeindruckend. Feine, in der Sonne bläulich leuchtende Mosaike, waren ein besonders herausstechendes Merkmal in der historischen Architektur. Als sich der Tag dem Ende zuneigte und die Sonne dem Mond Platz gemacht hatte, füllte sich der Registan Square und das wirkliche Leben begann. Über den Tag war es einfach zu warm und nur die Reisenden mit ihren Wasserflaschen setzten sich der gnadenlosen Sonne aus, während die Einheimischen im Schatten hockten und auf den erlösenden Sonnenuntergang warteten. Die meisten Touristen hatten sich verzogen und waren durch usbekische Familien mit ihren Kindern ersetzt worden, die überall lachend herum rannten. Und alle waren sie hier, um die anstehende Lightshow zu genießen und sich dabei zu sozialisieren. Bald waren die Treppen des großen Platzes gefüllt und ein Lichterspektakel begann sich an den Wänden der Madrasas abzuspielen. Mit mehreren starken Beamern wurde eine Geschichte an die Wände projeziert und visuell vorgetragen. Die Erzählung handelte von der reichen Vergangenheit Samarkands und dem Erbe der Stadt, als Knotenpunkt der Seidenstraße. Die Lightshow war beindruckend, doch endete so schnell, wie sie begonnen hatte. Und ich wurde langsam unruhig. Eigentlich war ich zur Show mit Diyorbek verabredet gewesen, bei dem ich heute übernachten wollte, doch war er bis zu diesem Moment nicht aufgetaucht. Während ich so in Gedanken wartend auf den Stufen Registans saß, wurde ich von einer jungen Frau auf gutem English angesprochen. Bald gesellte sich ihr jüngerer Bruder dazu, und wir unterhielten uns fast über eine Stunde auf Englisch. Der Name des Mädchens war Farangiz und ihr Bruder hieß Asilbek. Beide waren mit ihren Eltern, Vater Akbar und Mutter Dilafruz zum Registan Platz gekommen, um die Show zu sehen und ihr Englisch zu verbessern. Dies erreichten sie indem sie auf Reisende zugingen – von ihren Eltern vorgeschickt, die nicht viel weiter saßen – und diese in ein freundliches Gespräch verwickelten. Wie es schien war das Los diesen Abend auf mich gefallen und so spielte ich mit und unterhielt mich mit ihnen. Die Themen variierten stark, doch das machte nichts aus, solange die Sprache geübt werden konnte. Mitten im Gespräch bekam ich eine Nachricht von Diyorbek. Er war in einen Autounfall verwickelt worden und jetzt im Krankenhaus zum Checkup. Er war ok, würde mich aber an diesem Tag nicht mehr hosten können. Ich schilderte Farangiz und Asilbek meine Lage. Kurze Zeit später saß ich mit der ganzen Familie in ihrem Chevrolet auf dem Weg zu ihnen nach Hause. Akbar und Dilafruz hatten mich eingeladen, eine Win-win Situation: Ihre Kinder bekamen die Möglichkeit ihr Englisch weiter an mir zu üben und zu verbessern und ich erhielt im Gegenzug eine äußerst spontane Übernachtungsgelegenheit. So kam es, dass ich in Samarkand in das tägliche Leben einer usbekischen Familie eintauchen durfte. Wie mittlerweile gewohnt, wurde eine auf dem Boden des Wohnzimmers ausgerollte Kurpatscha (dicke Wolldecke) zu meinem Nachtlager, wo ich zusammen mit Asilbek übernachtete. Es war Wochenende und so konnten alle Familienmitglieder ausschlafen.






















Auf diese Weise startete der 12.07.2025 geruhsam. Zum Frühstück gab es eine art Milchsuppe mit Brot und natürlich eine menge Trockenfrüchte, Wassermelone und Tee, der immer wieder nachgeschenkt wurde. Die Atmosphäre am Tisch war ausgelassen und freundlich und ich fühlte mich sehr wohl. Über den Vormittag und frühen Nachmittag lief ich mit Asilbek durch Samarkand, während ich mich mit Ihm so gut es ging in Englisch unterhielt. Farangiz hingegen kam nicht mit, sie schien andere Pflichten zu haben. Mir war aufgefallen, dass Farangiz für den Haushalt verantwortlich zu sein schien: Sie kochte, deckte den Tisch und räumte ihn nach der Mahlzeit auch wieder ab. Gelegentlich half ihr Bruder oder ihre Mutter, aber hauptsächlich sah ich Farangiz in der Küche. Asilbek hingegen hatte Geld von seinem Vater zugesteckt bekommen und zahlte damit jegliche anfallenden Kosten auf unserer Exkursion durch die Stadt. Penibel achtete er darauf, dass es mir gut ging. Ein Gast der Familie zu sein, schien zu bedeuten, dass alle Kosten während dieser Zeit für mich übernommen wurden. So versuchte ich die großen, teuren Attraktionen während des Ausflugs zu meiden und begnügte mich mit Wasser und einem Eis. Dennoch hatten wir Spaß und genossen den Tag. Pünktlich zum Essen kamen Asilbek und ich wieder nach Hause. Es gab köstliches Plov, Manti und Ğilak-Shorva. Alle saßen um den üppig gedeckten Tisch mit den Speisen und langten zu. Auch Ruxshona, Farangiz‘ und Asilbeks ältere, schwangere Schwester war zu Besuch gekommen und es schien viele wichtige Dinge zu geben über die sich angeregt unterhalten wurde. Auf diese Weise verging der 12.07.2025, bevor ich mich am nächsten Tag in Richtung Tadschikistan auf machte.


















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