Am Busbahnhof in Samsun wurde ich von Ümit in seinem gold-gelben Auto abgeholt. Zusammen fuhren wir zu ihm nach Hause, ich bekam eine Dusche, eine Schlafgelegenheit und die Option meine dreckige Wäsche zu waschen. Dann Zeigte mir Ümit die Stadt. Mit zuvor reichlich aufgetragenem nach Zitrone riechendem Cologne zogen wir los. Ümit ist ein sehr fröhlicher Mensch und lacht gerne und viel.
Wir kamen sehr gut miteinander aus. Wir tranken Türkischen-Tee und liefen die endlose Prommenade Samsuns ab. Ab einem bestimmten Punkt fielen mir die verhältnismäßig vielen Sportanlagen auf, die die Prommenade säumten. Ümit erklärte mir, dass das mit den Deaflympics zu tun hatte, die hier 2017 statt gefunden hatten. Bis spät in die Nacht schlenderten wir die Prommenade entlang und beobachteten, wie Samsun nach Einbruch der Nacht, erst richtig lebendig wurde. Kinder fuhren Roller oder Inliner oder spielten Fußball, während die Erwachsenen im Kreis saßen Tee tranken, grillten und Shisha rauchten. Alle drei Aktivitäten der Erwachsenen riefen Rauch oder Dampf hervor und schon bald war die Prommenade in einen wabernden Dunstschleier gehüllt.


Am nächsten Morgen, den 25.05.2025, statteten Ümit und ich dem lokalen Kleidermarkt einen Besuch ab. Während Ümit nach passenden Jeans suchte, war ich auf der Suche nach einer kurzen Hose. Nach einigem Suchen wurden wir beide fündig und Ümit konnte meine Hose sogar von 150 auf 100 Lira herunterhandeln – auf ca. zwei Euro – nachdem um uns herum alle Leute ihre Ware mit „yüz lira“, 100 Lira anpriesen. Zwei Hosen reicher verließen wir den Markt, besuchten ein Museum der angeblich ersten Amazonensiedlung und wohnten – von einem Hügel aus zuschauend – einem traditionellem Vollkstanz von weitem bei. Dann fuhren wir mit Ümits Auto zum Strand, holten Strandstuhl, Tisch und Bier aus dem Kofferraum, setzten uns in den Schatten einer Palme und stießen an. Mir fiel auf, dass die meisten Türken am Strand Stühle und Tische mitgebracht hatten. Es schien wohl normal zu sein. Ein Bier später, war uns warm genug zum Schwimmen gehen. Im Wasser zeigte mir Ümit sein schwimmerisches Können, und ich konnte tatsächlich kaum verbesserungsbedürftige Bewegungen ausmachen. Als wir wieder an Land weilten schloss sich uns Ümits Exfrau mit seinen zwei Töchtern an und wir fuhren auf der Suche nach einem Dessert die Prommenade entlang. Die letzten Wochen war mir immer wieder aufgefallen, das die Türken wirklich gerne Autotourismus betreiben. Anstatt zu laufen, fahren sie im Schritttempo alles ab, was sie sehen möchten. Dabei kommt es üblicherweise zu stockendem Verkehr, was aber niemanden stört – auch wenn man zu Fuß tatsächlich schneller gewesen wäre. Am Abend zauberte Ümit – wir waren wieder allein bei ihm Zuhause – ein köstliches veganes Essen auf den Tisch, wie schon bereits am Vortag, bevor wir mit vollem Magen schlafen gingen. Am Montag, dem 26.05.2025, musste Ümit arbeiten, aber hatte mir die Wahl gelassen, noch einen weiteren Tag bei ihm übernachten zu können. Ich nahm das Angebot an und nutzte die Zeit des Tages zum Ausarbeiten des Blogs.







Dann ging es am Dienstag, den 27.05.2025, weiter. Freundlicherweise brachte mich Ümit zu einer guten Stelle, von der ich früh in den Tag starten konnte. Mein heutiges Ziel war es Ordu zu erreichen und einige Sehenswürdigkeiten und Orte aufzusuchen, die mir ein Freund in Deutschland ans Herz gelegt hatte. Doch leider kam es anders. Es begann zu regnen und hörte auch den ganzen Tag nicht wieder auf. Zwar schaffte ich es bis nach Ordu bzw. zehn Kilometer weiter östlich bis nach Gülyali, war aber durchgefroren und durchnässt. Auf der Suche nach der billigsten Bleibe kam ich absurderweise in einem ehemaligen viersterne Hotel in Gülyali unter. Heute hatte ich gar keine Lust zu Zelten. Streetfood von direkt nebenan diente mir als Abendbrot. Ein durchaus solider Sandwitch, belegt mit frisch gebratenem Hähnchen und Bratgemüse.



Nach einem im Preis inbegriffenen Frühstück im Hotel, ließ ich es am 28.05.2025 langsam angehen und stellte mich erst kurz nach zwölf wieder der Straße. Zwar dauerte es ein wening, doch dann hielt ein roter LKW, der direkt bis kurz vor Trabzon fuhr. Ich stieg ein. Mein Tagesziel Trabzon war damit abgehakt. Als ich ausstieg und mich orientierte, war schnell klar, dass die stelle, an der ich abgesetzt worden war, extrem schlecht zum Trampen war. Fast zwei Stunden irrte ich in einem Radius von einem Kilometer umher, auf der Suche nach einem guten Platz zum Weitertrampen, als plötzlich jemand hielt und mich ansprach. Ali hatte gerade seinen weißen Toyota gewaschen und signalisierte mir einzusteigen. Interessanterweise sprach Ali passables Deutsch, sodass wir schnell ins Gespräch kamen. Er war auf dem Weg zu seinen Freunden Boran und Veysel und bot mir an mitzukommen. Ich nahm das Angebot an, zum einen, da ich erfuhr, dass Boran Musiker war, zum anderen, weil sich meine geplante Couchsurfoption und der damit verbuntene Textaustausch als äußerst fragwürdig erwiesen hatten. Zusammen fuhren Ali und ich also zu Boran und Veysel und verbrachten dort den Abend. Was ich nicht gewusst hatte, Boran Alparslan Akkaya war eine lokale Musiklegende in und um Trabzon. Es wurde getrunken, geraucht und ausgiebig gegessen und dann wurde musiziert. Die Fenster wurden geschlossen, sodass der Rauch nun nicht mehr entweichen konnte, und die Vorhänge geschlossen. Dann packte Boran seine Kemençe schaltete sein Handy an und begann zu singen. Erst jetzt realisierte ich, dass Boran mit seinem Handy einen Livestream gestartet hatte. Während Boran sang und Kemençe spielte, gab es auch Passagen, in denen Ali sang. Zuerst war ich überrascht, aber er war echt gut. Zu dem klassischen Musikstiel Borans gehörte das Improvisieren und so wurde schließlich vom deutschen Hitchhiker gesungen, der auf dem Weg in die Mongolei war. Mittlerweile hatte der Steam fast achttausend Zuschauer erreicht und man verlangte den Deutschen zu sehen. Darauf war ich nicht vorbereitet gewesen und grüßte in die Kamera des Handys, während ich mein mit Wasser verdünntes Glas mit Yeni Raki noch in der Hand hielt. Eilig wurde mir von allen Beteiligten am Tisch signalisiert das Glas zu senken und außer Filmreichweite zu halten. Ich tat wie geheißen, aber der Chat war sowieso an etwas ganz anderem interressiert, meiner großen Nase. In Trabzon geht die Legende um, so sagte man mir später, das die Menschen aus Trabzon die größten Nasen hätten. Schnell wurde meine Nase zur Attraktion des Abends, und viele Menschen im Chat verlangten mehrere Male mein ausgeprägtes Seitenprofil sehen zu dürfen. Wie konnten Ali, Boran und Veysel aus Trabzon sein, wenn meine Nase die mit Abstand größte im Raum war? – schertzte man freundlich. Der Abend wurde lang und zu einem Abend den ich nicht so schnell vergessen werde. Gegen drei Uhr in der Früh brachen Ali und ich endlich auf und fuhren zu ihm nach Hause. Ich war mittlerweile schon fast wieder nüchtern, da ich die letzten Stunden nur noch Wasser und aktiv langsam getrunken hatte. Ali hindessen war ein ganz anderes Kapitel. Als er schwanked aufstand, bot ich ihm an, das Auto zu fahren, aber meine Bitte wurde freundlich abgelehnt. Mit teilweise über 120 km/h, die Mittelspur haltend, ging es zu Ali. Ich war froh als ich aussteigen konnte, musste mir aber auch eingestehen, dass Ali echt gut für seinen Zustand gefahren war.



Der 29.05.2025 startete langsam. Wir schliefen aus und aßen Frühstück. Zwar bot Ali mir an noch einen Tag bei ihm in Trabzon verbringen zu können, aber ich lehnte ab. Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt noch heute die Grenze zu Georgien und Batumi zu erreichen. Leichter gesagt als getan. Ganz in türkischer Manier kutschierte mich Ali den gesamten Vormittag und Mittag mit seinem Auto durch die Stadt Trabzon und lud mich hier zum Tee ein und zeigte mir dort einen wunderschönen Aussichtspunkt. Währenddessen hatte er einen Freund kontaktiert und einen Platz für mich in einem Bus organisiert, der bis an die georgische Grenze fuhr. Fest nahm ich mir vor, das dies meine letzte Busfahrt außerhalb einer Stadt sein würde. Solange ich die Option hatte zu trampen, würde ich trampen. Gerade als die Sonne unterging erreichte der Bus den Grenzübergang. Beim Aussteigen traf ich auf Gaja. Gaja war Polin und seit ca. einem Jahr auf Reise. Unaufhaltsam war sie durch ganz Europa gereist und hatte dabei bisher noch kein Hostel in Anspruch genommen. Brücken oder Hotellobbies hatten als Unterkunft gedient oder wie auch bei mir, die Gastfreundschaft anderer Menschen. Zusammen überquerten wir die Grenze nach Georgien. Das Heer an Taxifahrern ignorierend stellten wir uns im Dunkel an die Straßenseite und versuchten unser Glück im Trampen. Keine fünf Minuten später saßen wir in einem Auto auf dem Weg nach Batumi. Batumi war ein kleiner Kulturschock: Riesiege Hochhäuser reihten sich aneinander, deren Fassaden in der Dunkelheit hell erleuchtet waren und der Verkehr erschien mir um einiges gefährlicher, als in der Türkei. Zusammen liefen wir die Prommenade am Strand entlang und aßen schließlich etwas zu Abend. Ob es das Essen an diesem Abend, das Rührei am nächsten Morgen, oder das Leitungswasser war … auf jeden Fall fing ich mir meine zweite Levensmittelvergiftung auf dieser Reise ein.







Die nächsten Tage verbrachte ich mit Fieber, Schüttelfrost, Magenkrämpfen und Durchfall. Ich wechselte zwei mal das Hostel und versuchte mit allen Mitteln wieder gesund zu werden. Ich aß nur wenig und trank viel, versuchte meinem Körper Ruhe zukommen zu lassen, doch meine Gänge auf die Toilette und der Durchfall blieben konsistent. So verstrichen die Tage vom 30.05.2025 bis 03.06.2025 ohne viel Erfolg. Die Lebensmittelvergiftung war persistent und hielt an. Natürlich versuchte ich das Beste aus dieser Zeit und meiner Lage zu machen. In den drei Hostels traf ich auf viele neue Gesichter aus aller Welt. Mit einigen Leuten gingen wir traditionell georgisch Khachapuri (offenes oder geschlossenes Brot, gefüllt mit Käse und Ei) und Chinkali (gefüllte Teigtaschen) essen und mit einer andren Truppe schafften wir es sogar eines Abends ein kostenloses Abendbrot im Kasino abzugreifen. Casinos gab es in Batumi wie Sand am Meer, da die Stadt kurz vor der türkischen Grenze lag und viele Türken Batumi deswegen einen Besuch abstatteten. So umgingen sie das Glücksspielverbot in ihrem eigenen Land. Auch hörte man neben Georgisch viel Russisch auf der Straße.









In der Nacht auf den 04.06.2025 ging es mir allerdings so schlecht, dass ich beschloss am nächsten Morgen externe Hilfe zu suchen. Meine fast durchgezogene Zwieback-Bananen Diät war fehlgeschlagen und ich litt nun schon bereits seit fünf Tagen an akutem Durchfall. Ich war früh ins Bett gegangen und wachte ebenso früh auf. Als ich um kurz nach fünf Uhr Morgens meinen Rucksack schulterte, fühlte ich mich schwach und ausgelaugt. Zu Fuß suchte ich ein Krankenhaus auf. Nachdem das Krankenhaus zu dem ich eigentlich wollte geschlossen hatte, entschied ich mich für meine zweitbeste Option, das Universitätskrankenhaus in Batumi. Dieses hatte offen und man schrieb mir eine Reihe Medikamente auf georgisch auf einen Zettel, nachdem ich jemanden mit Englischkenntnissen gefunden und meine Problematik erläutert hatte. Die Apotheke auf die ich verwiesen worden war hatte geschlossen, aber es gab genug andere. Für knapp hundert Lari kaufte ich Elektrolyte, Loperamidum, freundliche Darmflora und Aktivkohle und im Supermark noch einen Orangensaft. Über den Tag nahm ich die Medikamente regelmäßig ein und endlich hörte der Durchfall nach sechs Tagen auf. Ich ging an den Strand und atmete tief die Seeluft ein, entspannte, schwamm sogar kurz. Morgen würde ich Batumi endlich verlassen.
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