Fast wieder ganz gesund, brach ich am 19.05.2025 von der asiatischen Seite Istanbuls auf gen Osten, mit der Mission, die Nordseite der Türkei in Richtung Georgien entlang des Schwarzen Meeres zu durchreisen. Gemäß der Regel, aus großen Städten die öffentlichen Verkehrsmittel hinaus aus der Stadt nutzen zu dürfen, fuhr ich, so weit es ging am Montag mit dem Bus aus Istanbul heraus. Nach dreimaligem Umsteigen und langem Gekurve durch Istanbul ging es mit dem Bus schlussendlich bis nach Şile. Von dort trampte ich immer weiter am Meer entlang. Mittagessen gab es am Strand auf den Steinen bei Karacaköy, mit Blick aufs Meer. Nachdem ich feststellen musste, dass die Marmelade, die ich in Şile fürs Brot erworben hatte, bereits offen und schlecht war, gab es nur Erdnussmus als Belag. Weiter ging es nach Ağva und von dort nach Kandira. Der ältere Herr, der mich von Ağva bis nach Kandira mitnahm, drückte mir beim Einsteigen eine Gebetskette aus Plastik in die Hand und bedeutete mir, diese zu nutzen. Ich tat wie geheißen, denn bei seinem irrationalen Fahrstil und dem klemmenden Sicherheitsgurt war beten gar nicht so fehl am Platz. Mal wurde vor einer starken Kurve stark beschleunigt oder beim Zigarette-anzünden komplett auf die gegenüberliegende Fahrbahn gezogen. In Kandira klagte der Mann dann plötzlich über Bauchprobleme und wollte Geld von mir haben. Da uns jedoch schon die ganze Fahrt über eine große Sprachbarriere getrennt hatte, tat ich weiter freundlich und so, als ob ich ihn nicht verstünde, bedankte mich herzlich für die Fahrt und stieg aus. Ich frischte meine Vorräte in einem kleinen Supermarkt auf und wanderte hinaus aus der Stadt, vorbei an Gypsies und Straßenhunden, wovon einer der Hunde tot am Straßenrand lag. Mein nächster Lift nahm mich bis nach Kaynarca, bis in ein Restaurant seines Freundes mit. Dort gab es die bis dato beste türkische Pizza gepaart mit Ayran. Satt und ohne das Essen bezahlen zu müssen, wurde ich kurz hinter Kaynarca abgesetzt und lief zu Fuß weiter. Während die Sonne immer tiefer sank, stapfte ich die Schnellstraße in Richtung Karasu entlang. Nach einigen Kilometern beschloss ich rechts auf die Felder auszuweichen und einem schmalen Weg entlang eines kleinen Flusses zu folgen. In der Ferne waren Traktoren zu hören, die die Felder bestellten. Aber nicht nur das. Plötzlich war auch das Knurren und Gebell von Hunden zu hören, vielen Hunden. Im Feld vor mir befanden sich ein Dutzend Hunde, die mich fixierten. Mit langsamen, aber bestimmten Schritten ging ich weiter und die Hunde wichen aus.
Auf der Suche nach einem geeigneten Zeltplatz durchquerte ich ein kleines Dorf und peilte ein Waldstück an, das aus der Ferne gesehen geeignet zum Zelten schien. Doch als ich das Waldstück erreichte, konnte ich erkennen, dass der Boden alles andere als geeignet zum Zelten war. Der Boden war uneben und Gestrüpp und Büsche standen dicht an dicht, selbst unter den größeren Bäumen. Ich musste also weiter suchen. Langsam verschwand die Sonne hinter einem Hügel und es wurde kühler. Gerade als ich weiter gehen wollte, holte mich ein Mann auf einem Motorrad ein. Er war aus dem kleinen Dorf gekommen, dass ich vor wenigen Minuten durchquert hatte. Einige ältere Leute hatten mich gesehen und ich hatte freundlich beim Vorbeilaufen gegrüßt. In einer Plastiktüte führte der Mann eine Cola und zwei Glastassen mit und sprach mich auf Türkisch an. Ich erwiderte auf Englisch, doch der Mann grinste mich nur an und wir mussten beide lachen. Dann zückten wir beide unser Smartphone. Bisher hatte ich die Dolmetscherfunktion des Handys kaum genutzt. Dieser Moment schien mir die passende Gelegenheit zu sein. Die Funktion sollte noch viele Male an diesem Abend zum Einsatz kommen und auch in den Tagen darauf. Mit Hilfe der Dolmetscherfunktion stellten wir uns vor und ich wurde sogleich zu einem „Tee“ eingeladen, der dieses Mal aus Cola bestand. Kenan war Farmer und ihm gehörte ein Großteil der Ländereien und Felder, die ich soeben durchschritten hatte. Während wir Cola tranken, tauschten wir uns aus. Ich erzählte von mir und meiner Reise und im Gegenzug erfuhr ich von Kenan, dass ich hier nicht zelten sollte, da die streunenden Hunde gefährlich seien. Kurze Zeit später saß ich hinter Kenan auf seinem Motorrad auf dem Weg in das kleine Dorf Aşağisariköy, das ich zuvor durchschritten hatte. Die Menschen, die mich gesehen hatten, mussten Kenan wohl auf mich aufmerksam gemacht haben und er war mir hinterhergefahren. Als wir im Dorf ankamen, saßen bereits drei ältere Frauen mit Kopftuch an zwei Bänken mit einem Tisch und schauten mich neugierig an. In kürzester Zeit stand eine deftige Mahlzeit aus Reis, Fleisch, Oliven, Brot und Salat für mich auf dem Tisch. Immer mehr Menschen kamen und Kenan stellte die meisten als Onkel, Tanten und nähere Familie vor. Bei Ertan, Kenans Bruder, durfte ich duschen, nachdem schon reichlich Tee getrunken worden war und Kekse in den Tee getaucht worden waren. Als i-Tüpfelchen an diesem Abend machten Kenan, Ertan und ich mit dem Auto noch eine Spritztour und sie zeigten mir die Stadt Kaynarca, was ein Tag.







Am Morgen des 20.05.2025 fuhr mich Kenan nach einem leckeren Frühstück bis in die Nähe von Karasu. Von dort wanderte und trampte ich weiter. Zwei Autostopps später traf ich auf der Straße Ole, einen deutschen Fahrradfahrer, der ähnlich wie Josh unterwegs war. Kurze Zeit standen wir an der Straße und teilten Kekse und Geschichten. Ole erzählte mir, dass er seine Sonnenbrille bei einem Sturz stark beschädigt hatte und sie trotz Reparaturversuchen nicht mehr hielt. Kurzerhand schenkte ich ihm meine Sonnenbrille, die zwar beschädigt, aber immer noch brauchbar war. Er würde sie dringender nötig haben als ich. Und weiter ging es. Über den Tag passierte ich Ereğli und schaffte es von dort bis zum Krankenhaus süd-westlich von Zonguldak. Es war bereits nach 18 Uhr und ich beschloss nach einer Übernachtungsmöglichkeit Ausschau zu halten. Auf dem Seitenstreifen der Bergstraße wanderte ich im Gegenverkehr – so wurde ich besser gesehen und eine andere Möglichkeit gab es nicht – am Meer entlang. Links von mir fielen die Klippen steil ins Meer, rechts von mir stiegen sie fast senkrecht empor. Eine leichte salzige Brise wehte mir ins Gesicht und ich war guter Dinge. Nicht lange und ich fand, wonach ich suchte: Eine kleine, flache, überwachsene Ausbuchtung, perfekt zum Zelten und noch perfekter, um den sich anbahnenden Sonnenuntergang zu beobachten. Ich schlug mein Zeltlager auf und genoss kurze Zeit später einen atemberaubenden Sonnenuntergang. Bevor ich mich schlafen legte, verzehrte ich noch mein restliches Trockenbrot, Erdnussmus und Marmelade.




Am Morgen des 21.05.2025 war mein Wasser verbraucht. Ich packte meine sieben Sachen und wanderte durch mehrere Tunnel und entlang der Küste in Richtung Zonguldak, auf der Suche nach Wasser. Vier unspektakuläre Autostops später erreichte ich Bartin. Dort aß ich zu Mittag und zog die Aufmerksamkeit des gesamten Restaurants auf mich. Die Menschen waren sehr interessiert und ich wurde direkt wieder zum Teetrinken eingeladen. Ab nun, den ganzen Weg die Nordküste entlang, wurde das Türkische-Tee-Trinken zu einem ständigen Begleiter und Ritual. Überall wurde man eingeladen anzuhalten, um einen kurzen Tee zu genießen und schon bald durchströmte meinen Körper mehr Koffein, als ich gewöhnt war. In Bartin erkor ich Amasra als meinen heutigen finalen Reisestopp aus und fand auch gleich eine Person, die mich direkt bis nach Amasra mitnahm. Ein großes Kreuzfahrtschiff war in Amasra vor Anker gegangen und obwohl das Wasser des Schwarzen Meeres noch relativ kühl war, badete eine russische Touristengruppe am Strand. Auch ich sprang ins Wasser, nachdem ich mich verabschiedet hatte. Den restlichen Tag in Amasra nutzte ich zur Erkundung der Stadt und beobachtete, wie viele Fischer gegen Abend ihre Angelruten in Richtung Pier trugen. Im Schein der untergehenden Sonne und in der darauf folgenden Dämmerung standen sie am Rand der Mole und warteten, dass ein Fisch anbiss.


Nachdem ich am Morgen des 22.05.2025 erfolgreich auf den Berg zum Leuchtturm von Amasra geschlendert war und dabei ebenso erfolgreich die Deckklappe meiner Kamera verloren hatte, verließ ich das idyllische Städtchen. Über steile Straßen ging es zu Fuß weiter die Nordküste entlang. Immer seltener passierte mich ein Auto und die Hauptstraße wurde deutlich schmaler. An diesem Tag lief ich sehr viel und arbeitete mich Kilometer für Kilometer an der Nordküste entlang. Durch mehrere kleine Lifts erreichte ich schließlich mit einem Bier in der Hand Cide. Das noch kalte Getränk war mir beim Einsteigen in das Auto dreier älterer Herren zugeflogen. Die Sonne stand bereits tief und ich war erschöpft vom vielen Wandern entlang der Küstenstraße. Als ich Cide zu Fuß hinter mir ließ und der Küstenstraße weiter folgte, entdeckte ich eine relativ große totgefahrene Schlange am Straßenrand und beschloss, zukünftig meine Schritte in der Wildnis bedachter zu setzen. Oberhalb von Cide, auf einem kleinen Hügel, von dem man die Stadt herrlich überblicken konnte, schlug ich mein Lager auf. Mein T-Shirt war so durchgeschwitzt, dass ich es auswringen konnte. Aber der nun auffrischende Wind zum Sonnenuntergang trocknete alle durchschwitzten Kleidungsstücke im Nu. Ich hatte sie an den Ästen einiger Büsche befestigt, die nun durch den Wind hin und her wiegten. Nicht weit entfernt an der Straße gelegen, war ein Wasserspender errichtet worden. Dort wusch ich mich und aß anschließend eine ordentliche Portion Erdnüsse mit Brot und Marmelade, um meinen Energiehaushalt wiederherzustellen. In der Nacht frischte der Wind noch einmal deutlich auf und drückte von außen gegen das Zelt. Gott sei Dank drückte mein Rucksack von innen gegen die sich neigende Zeltwand und stabilisierte sie. Dennoch stand ich auf und überprüfte das Zelt. Alles hielt.






Den darauffolgenden Tag, den 23.05.2025, wurde ich durch die Hitze der Sonne geweckt, die auf das Zelt schien.
Heute würde es wieder ein warmer Tag werden. Also brach ich mein Lager vor acht Uhr ab und machte mich wieder auf. Es dauerte ca. zwei Stunden, bis eines der wenigen Autos hielt. Der Weg von Cide nach İnebolu würde der am wenigsten befahrene Teil der Nordküste auf meinem Weg in den Osten sein. Der Fahrer des Autos sprach gutes Englisch und stellte sich als Erim vor. Erim war Arzt und auf dem Weg in ein abgelegenes Krankenhaus in Örtülü, in dem er arbeitete. Während Erim großzügig meinen Einkauf in Örtülü bezahlte und sich danach im Hospital den Beschwerden der Kranken widmete, konnte ich in der Küche mein Handy aufladen. Ab und an betraten Angestellte des Krankenhauses die Küche und ehe ich mich versehen konnte, stand ein heißer türkischer Tee mit Keksen vor mir und ich wurde auf Türkisch mit Fragen durchlöchert, die ich so gut wie möglich zu beantworten versuchte. Als Erim alle seine Patienten versorgt hatte, kam auch er in die Küche und nahm eine Dolmetscherfunktion ein. Gegen zwölf Uhr wurde das kleine Hospital abgeschlossen und wir gingen alle zusammen essen. Mich lud man ein. Das Essen war köstlich. Nach dem Essen gab es natürlich noch einen obligatorischen Tee, dieses Mal in etwas größerer Runde. Angestellte des Militärs, der Polizei, Paramedics ein Arzt und ein Reisender, saßen auf einer Veranda zusammen. Als ich nach dem Tee wieder aufbrechen wollte, war fast ein halber Tag verstrichen, seit ich von Erim aufgesammelt worden war. Von ihm wurde ich sogar auch noch einen Teil der einsamen Straße weiter in Richtung Osten mitgenommen, bevor sich unsere Wege trennten. Erim hatte seine Pausenzeit für mich geopfert. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, in İlyasbay längere Zeit auf eine nächste Mitfahrgelegenheit warten zu müssen, doch an diesem Tag lief das Trampen reibungslos. Noch während Erim mit seinem Auto wendete, hielt das nächste Auto für mich und nahm mich mit. So trampte ich über Doğanyurt, İnebolu und Abana bis nach Ayancik und von dort gen Sinope. Auf halbem Weg nach Sinope – sieben Autos und einen LKW später – endete meine Reise für diesen Tag, als ich unerwarteterweise von Einheimischen eingeladen und mit zu ihnen nach Hause genommen wurde. Es gab leckeres Essen und ich erhielt einen Schlafplatz in einer Holzhütte.








Als ich am Vormittag des 24.05.2025 meine Gastgeber nach einem ausgedehnten Frühstück mit Käse, Brot, Oliven, Pfannkuchen, Honig, Sirup und natürlich türkischem Tee verließ, war es bereits sehr heiß. Nicht lange und ich war in Schweiß gebadet. Während ich mir die letzten Tage an der Nordküste durch den Kopf gehen ließ, musste ich mir eingestehen, dass hier die Gastfreundschaft großgeschrieben wurde. Egal wer mich mitgenommen hatte, hatte mich zu Essen oder Trinken eingeladen oder zusätzlich sogar eine Übernachtungsmöglichkeit angeboten. Obwohl die Sprachbarriere groß war und mein Türkisch über „evet“ und „taman“ nicht weit hinausreichte, gelang es meist immer das Gesagte körpersprachlich und mir Gebärden zu kommunizieren. Und wenn man sich einmal gar nicht verstand, zückte ich den Dolmetscher auf meinem Handy und half nach. Spätestens dann, begleitet von einem Lachen oder Grinsen, war die Sprachbarriere zerschlagen.
Ein Kleinlaster hielt und nahm mich mit bis nach Sinope. Auf dem Weg nach Sinope erzählte ich, dass ich es heute bis nach Samsun schaffen wollte, das noch ca. 180 km weiter östlich, entlang des Schwarzen Meeres liegt. Ohne Umschweife wurde ich zum nächsten Busbahnhof schoffiert, mein Busticket für mich bezahlt, bevor ich etwas dagegen unternehmen konnte und sich verabschiedet. Ich kapitulierte vor meinem Schicksal, heute sollte es also eine Busfahrt sein. Die Zeit im Bus auf dem Weg nach Samsun nutzte ich, um meinen Blog zu schreiben, den ich die letzten Tage vernachlässigt hatte. Es war so viel Interessantes geschehen, dass ich Schwierigkeiten hatte, Zeit zum Schreiben zu finden. Flache Felder, die Reisfeldern glichen und die in der prallen Sonne von Menschen bestellt wurden, säumten den Weg nach Samsun.


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