Zwar hatte ich versucht für Bukarest rechtzeitig eine Übernachtungsmöglichkeit via Couchsurfing zu arrangieren, dennoch musste ich mich mit einem Hostel zufrieden geben, da bisher alle Anfragen abgelehnt worden waren. Bevor ich jedoch das Hostel aufsuchte, schlenderte ich zuerst durch diverse Parkanlagen und Straßen, bis ich irgendwann kurz vor 22 Uhr am Hostel ankam. Überraschenderweise hatte ich fast das ganze Hostel für mich ganz allein, und das Sechsbettzimmer bewohnte nur ich für diese Nacht. Ich muss ehrlich gestehen, ich hatte mehr Andrang in einem Hostel in Bukarest erwartet.

Am Vormittag des nächsten Tages, dem 30.04.2025, erkundete ich Bukarest weiter. Zuerst zog es mich zum Rumänischen Arthenäum, dem Ateneul Român und danach in Richtung des Parlamentspalastes, Palatul Parlamentului. Der Palast muss eines größten Gebäude sein, die ich jemals gesehen habe. Auf meinem Weg zum Parlamentsgebäude erreichte mich über Couchsurfing eine Nachricht von Dan, dass ich bei ihm übernachten könnte. So arbeitete ich mich über den Tag zu Fuß durch Bukarest, immer weiter in die Richtung, in der Dan wohnte. Bei Dan konnte ich meine dreckigen Klamotten waschen und mich gegenüber des Wohnhauskomplexes mit gutem Essen von Shaormerie & Grill Tineretului versorgen, einer der bessten Falaffel, die ich je gegessen habe. Auch den nächsten Tag, den 01.05.2025, verbrachte ich bei Dan, ließ es ruhig angehen und regenerierte mich. Ich war nun bereits über einen Monat fast konstant unterwegs. Dabei ging es zwar mal schneller, mal ein wenig langsamer voran, dennoch fing ich an, Anzeichen von längerer körperlicher Erschöpfung wahrzunehmen. So schmiedete ich den Plan, in Varna einen etwas längeren Stop einzulegen, um meine Batterien wieder ganz aufzuladen. Als ich bei Dan im Badezimmer auf die Waage stieg, realisierte ich, dass ich über den letzten Monat fast sechs Kilogramm abgenommen hatte. Mir war klar gewesen es würde anstrengend werden, einen 20 Kilogramm Rucksack mit auf Reise zu nehmen und ich aß verhältnismäßig gesund, konstant und viel, dennoch schien es nicht auszureichen. Mein Körpergewicht war von 85 auf knapp 79 Kg geschrumpft. Da Dan fast den ganzen Tag über arbeiten musste, zogen wir spät abends zusammen los auf ein Bier und unterhielten uns dabei angeregt über interressante ethnologische und politische Themen.


Mit leichten Kopfschmerzen verließ ich am Kommenden Tag – 02.05.2025 – Dan und Bukarest, und machte mich gen Giurgiu in Richtung Bulgarische Grenze auf. An diesem Tag kam ich nur langsam vorwärts, und als ich in Giurgiu ankam, war es bereits später Nachmittag. Dennoch entschied ich mich dazu Rumänien noch an diesem Tag den Rücken zu kehren und die bulgarische Grenze über die Donau zu Fuß zu überschreiten. Die Grenze zwischen Rumänien und Bulgarien ist seit dem 01.01.2025 überquerbar ohne Reisedokumente vorweisen zu müssen, da beide Länder seit diesem Zeitpunkt zum Schengen-Raum gehören. Ich war freudig überrascht, als ich an der Grenze einfach durchgewunken wurde und die Kontrolle meiner Reisedokumente wegfiel. Dann wanderte ich zu Fuß los, über die mehrere Kilometer lange Brücke über die Donau, gen Russe. Der Weg über die Brücke war tatsächlich relativ anspruchsvoll. Es gab nur einen schmalen Pfad zwischen befahrener Straße und Brückenkante, der etwa fünfzig Zentimeter maß. Auf der von LKW’s frequentierten Straße war kein Platz für Wanderer, besonders dann, wenn zwei LKW’s knapp aneinander vorbeifuhren. So folgte ich dem schmalen Weg in Richtung Süden. Ich lief durch etliche Spinnennetze, übersprang rostige Löcher in der Brücke – die gottseidank nicht allzu groß waren – und musste sogar an einer Stelle auf allen vieren kriechen, um weiter zu kommen. Ein echtes Abenteuer. Auf halber Strecke, mitten über der Donau, legte ich eine Pause ein und stieg die vor mir liegende ungesicherte Brückentreppe bis an den obersten Punkt hinauf. Dort rastete ich und genoss etwas Essen und Trinken, sowie den Sonnenschein, der langsam untergehenden Sonne. Weit konnte man in alle Himmelsrichtungen blicken und ein Gefühl von Freude und Fernweh durchströmte mich. Dann ging ich weiter bis in den Stadtkern von Russe. Sobald ich die Brücke hinter mir gelassen hatte und von den erstaunten bulgarischen Genzposten durchgewunken worden war, wurde ich von Hundegebell empfangen und einer maroden Pipeline zu meiner Rechten, die sich neben mir bis in die Stadt zog. Große heruntergekommene Wohnkomplexe säumten meinen Weg in die Innenstadt und Kinder spielten auf den wenigen Grünflächen, die übrig gelassen worden waren.


Am 03.05.2025 verließ ich Russe in Richtung Varna und positionierte mich nach einem Snack fürs Trampen an einer Bushaltestelle. Erst nach grob zwei Stunden hielt ein grauer Renault Scénic mit einem kleinen Anhänger daran. Die Insassen zwei Erwachsene und zwei Kinder. Obwohl das Auto schon recht voll war, nahm mich die Familie dennoch mit. Orlin und Mariela fuhren mich bis nach Rasgrad, wo sie mir anboten, dass ich auch bei ihnen übernachten könnte wenn ich wollte. Nach kurzer Überlegung nahm ich das Angebot an, und so fuhren wir alle zusammen zu ihnen nach Hause. Mariela und Orlin hatten sich am dörflichen Rand Rasgrads eine durchaus idyllische Existenz aufgebaut. Ein eigenes Haus mit schönem Garten und eigenem eigenen Quellwasseranschluss empfing mich. Mir wurde ein kleines Zimmer im Erdgeschoss zugewiesen und neue Bettwäsche gebracht. Da Mariela und Orlin am nächsten Tag in Richtung Varna weiterfuhren, um über das Wochenende an ihrem fast fertigen Ferienhaus weiter zu bauen, würden sie mich am kommenden Morgnen in Richtung Varna mitnehmen. Aber erst einmal wollte das Auto mit seinem kleinen Anhänger bis zum Rand mit Dingen gepackt werden, die für den Bau des Hauses benötigt wurden. Nachdem das Auto gepackt war gab es Abendbrot. Geschmorter Lammnacken mit Kartoffeln und zwei unterschiedlichen Salaten, sowie selbst gemachter Fruchtsaft, ein Bier und ein starker Brandy wollten verzehrt werden. Während der Fernseher im Hintergrund National Geographic abspielte, unterhielten wir uns über Themen wie die aktuelle politische und soziale Situation in Bulgatien und die damit einhergehende Korruption im Lande. Gesättigt gingen wir früh schlafen.




Denn am nächsten Morgen, dem 04.05.2025, ging es schon um 05:30 Uhr mit einem bis an den Rand vollbepackten Auto los in Richtung Shabla, das ca. 40 Kilometer nördlich von Varna liegt. Anstatt mich in Varna abzusetzten, hatte ich angeboten mich für die Gastfreundschaft zu revangieren und ein wenig beim Bau des Freienhauses mitzuwirken; gesagt, getan. Außerdem hatte ich so die Gelegenheit das rumänische Dorfleben etwas umfassender zu erfahren. Wir erreichten Shabla nach fast vier Stunden Autofahrt, entluden und begannen direkt mit den Bauarbeiten. Da Orlin zwei begabte Handwerker halfen, hatte ich bald das Gefühl, nur noch wenig von Nutzen zu sein. So begann ich Shabla auf eigene Faust zu erkunden, und zog die Endrücke in mir auf. Überall liefen Hunde und Katzen wild herum oder waren vor dem Grundstück angeleint und dienten als natürliches Warnsignal. Gelegentlich waren auch Ziegen oder ein Esel mit von der Partie. Es gab viele Hühner, die im Hinterhof gehalten wurden, sowie Hähne die andauernd krähten. Eingefallene kleine Häiser und Bauruinen, die neben neuen gerade errichteten Häusern standen, zeugten sowohl von armlichen Verhältnissen, die auf wohlhabendere stießen. Es war sonnig, doch nicht warm, da ein schneidender kühler Wind vom Schwarzen Meer her wehte. Über die letzten Wochen war mir aufgefallen, dass die streunenden Hunde und Katzen immer häufiger vorkamen und oft knapp neben den Autos herliefen, sodass man sie fast überfuhr. Dennoch hatten die Streuner einen äußerst ausgeprägten Sinn für den Straßenverkehr und wussten besser als die meisten Menschen, wann sie eine Straße überqueren konnten, und wann nicht. Zum Ende des Tages fuhren wir zusammen an die Küste des Schwarzen Meeres – endlich Wasser, endlich Meer! Nach über einem Monat des Reisens durch das Landesinnere, war ich nun zum ersten mal an ein größeres, offenes Gewässer gelangt. Zum Abendbrot gab es dann auch direkt in einem Restaurant frische Muscheln und weißen Kaviar mit Brot und eine Limmonade, um alles herrunter zu spülen.







Am 05.05.2025 brachten Orlin und Mariela mich bis zum Rand Varnas, bevor es für sie zurück zu den Kindern nach Rasgrad ging, die sie die letzten zwei Tage bei ihren Großeltern gelassen hatten. Ich bedankte mich für die Erfahrungen, die ich durch sie die letzten zweieinhalb Tage sammeln durfte, dann trennten sich unsere Wege. Leider hatte niemand auf Couchsurfing auf meine Anfage reagiert, und so checkte ich in Varna ins Nomado Hostel ein, wo ich die nächsten drei Nächte verbrachte und viele neue Gesichter kennen lernte. Neben dem obligatorischen Strandbesuch und Sprung ins kalte Nass, gab es heiße öffentliche Quellen direkt an der Prommenade zu entdecken. Hauptsächlich waren diese mit älteren braungebrannten Menschen, Gypsies und Reisenden überlaufen. Natürlich setzte ich mich mit dazu. Das 40°C warme Wasser tat gut, besonders nach einem Sprung ins Meer, und so ließ ich die Anstrengungen der letzten fünf Wochen von mir abfallen, während ich bereits dabei war, neue Reisepläne zu schmieden.




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