Von Zagreb nach Sarajewo

Als ich mich am Morgen des 16.04.2025 auf den Weg machte, hatte sich mein Verdauungssystem wieder gefangen, sodass ich begann, meine Essensmöglichkeiten auszuweiten. Von Zagreb ging es in Richtung Sisak und von dort weiter nach Sunja und Kostajnica. In Kostajnica überquerte ich die Grenze von Kroatien nach Bosnien und Herzegowina. Bosnien war das erste nichteuropäische Land, also musste ich mir bosnische Währung besorgen, die Konvertible Mark (KM). Die KM hat in etwa den halben Wert des Euro, sprich für einen Euro bekam ich zwei KM. Dennoch blieben die Preise in etwa gleich oder sanken sogar etwas, sodass sich meine Lebenserhaltungskosten plötzlich halbierten.

Nur wenige Kilometer hinter der bosnischen Grenze schlug ich bei nahender Abenddämmerung mein kleines Lager in einem hügeligen Wäldchen auf und ging zu Bett. Der Waldboden hier war sehr belebt. Ameisen, Käfer, Spinnen, letztendlich alles, was so im Wald krabbelt, krabbelte, und dies auch bei Nacht. Der Waldboden bzw. die Blätter waren sehr trocken, und man konnte jedes Krabbeln und sich bewegende Insekt hören. Eine durchaus interessante Erfahrung bei Nacht. Doch als ich im Zelt lag, krabbelte es nicht nur außerhalb, sondern auch auf meiner Haut. Als ich nachforschte, lief mir eine große Zecke geradewegs über den Oberkörper. Gründlich checkte ich alles ab und schnipste die Zecke aus dem Zelt. Am Morgen saß sie draußen an der Zeltwand und suchte wohl immer noch meine Nähe, nein danke.

Am 17.04.2025 trampte ich weiter. Als ich wenig später an einer langen Gerade meinen rechten Daumen raus streckte, raste ein Motorradfahrer mit Sozius ohne Helm und über 200 km/h an mir vorbei. Wenig später kam er noch schneller aus der entgegengesetzten Richtung wieder an mir vorbei zurückgerast. Über den Tag trampte ich von Kostajnica über Novi Grad, Prijedor nach Banja Luka und erfuhr auf meiner Reise viel über das gespaltene Bosnien und Herzegowina. Grob zusammengefasst hat das Land drei vorherrschende Volksgruppen: Bosniaken (hauptsächlich Muslime), Serben (hauptsächlich Orthodoxe) und Kroaten (hauptsächlich Katholiken). Und obwohl es oberflächlich ruhig scheint und Ausländer gerne gesehen sind, wird mir von vielen deutlich gemacht, dass die Vergangenheit tief sitzt.
Als ich in Banja Luka ankam, hatten meine beiden Couchsurfmöglichkeiten abgesagt und so gönnte ich mir zum ersten Mal auf dieser Reise ein Einzelzimmer für 20 Euro und erkundete dann stundenlang die Stadt bis spät in die Nacht.

Ich schlief aus, und so startete mein Tag langsam, dass ich am 18.04.2025 erst um elf Uhr das Hostel Havanna verließ und weiter gen Richtung Sarajewo laufend Banja Luka hinter mir ließ. Denn außerhalb der Stadt, wo der Verkehr eine Richtung eingeschlagen hat, trampt es sich am einfachsten, habe ich die Erfahrung gemacht. Eigentlich hatte ich vorgehabt, es an diesem Tag bis nach Sarajewo zu schaffen, doch wie immer kam es anders. Von Banja Luka machte ich schnelle Kilometer nach Jajce immer am Fluss Vrbas entlang. Canyons wie der Tijesno präsentierten ihre majestätischen Felswände, während man gleichzeitig das türkis-blaue Wasser des Vrbas bestaunen konnte. Von Jajce, wo ich meine Vorräte aufstockte, ging es dann weiter bis nach Donji Vakuf. Während ich in Donji Vakuf auf meinen nächsten Lift wartete, spielten zwei kleine Jungen am Straßenrand und schauten immer wieder zu mir herüber. Wenig später kam ein Mann – in etwa gleich alt wie ich – aus einem der gegenüberliegenden Häuser und gesellte sich mit einer Zigarette zu mir. Er sprach verständliches Englisch und wir kamen ins Gespräch. Er stellte sich als Nazif Rujanac und Onkel der beiden Jungs vor.

Als nach einiger Zeit immer noch kein Auto hielt, bot er mir an, dass ich ruhig bei ihm übernachten könne, wenn ich wolle. Ich sagte ihm, ich würde es noch eine halbe Stunde versuchen, doch da es bereits relativ spät war, fuhren immer weniger Autos und meine Chance, heute noch mitgenommen zu werden, sank drastisch. Nach einer erfolglosen halben Stunde überquerte ich also die Straße und Nasif lud mich in sein bescheidenes Heim ein. Umso größer war seine Gastfreundschaft. Zum Abend hatte seine Mutter, die mit seinem Vater eine Etage höher im Haus wohnte, Sarma mit Fleisch zubereitet und Nasif zauberte von irgendwoher immer neue essbare und trinkbare Dinge auf den Tisch. Wir verbrachten den Abend zusammen und Nasif zeigte mir Donji Vakuf bei Nacht. Da es Freitag war, war das Nachtleben in vollem Gange. Die wenigen Bars oder Clubs, die Donji Vakuf zu bieten hatte, waren gefüllt mit Menschenleben und die meisten rauchten unablässig. Sowieso hatte ich das Gefühl, dass die Menschen, seit ich die Grenze überschritten hatte, übermäßig und überall zur Zigarette griffen. Und auch die nächsten Tage sollte ich nicht enttäuscht und bei jedweder Gelegenheit zu geraucht werden.

Am kommenden Morgen, Samstag, den 19.04.2025, gab es frisch gebackene Uštipci mit selbst gemachter Hagebuttenmarmelade. Bevor es weiter ging, zeigte Nasif mir noch seine Nachbarschaft und erzählte mir von seinem Traum, in ein paar Jahren oben am Hang des Berges eine kleine Hütte zu renovieren und dort mit seiner Freundin zu leben.
Zurück am Straßenrand, war ich froh gestern Nasif’s Einladung gefolgt zu sein. So hatte ich mir das Trampen vorgestellt: Spontane Begegnungen, bei der sich beide Seiten mit Interesse und Respekt behandelten und Nasif hatte es durch seine Gastfreundschaft Realität werden lassen. Noch während ich dies dachte, hielt ein Auto und ich stieg ins rauchige Innere, zu lauter Balkanmusik und drei weiteren Insassen, die mich mit nach Travnik nahmen. Von Travnik aus arbeitete ich mich über den Tag immer weiter, bis ich am Nachmittag Sarajewo erreichte. Dort machte ich mich schnurstracks durch die engen Gassen auf den Weg zu Mario, der mit seinen neun Katzen fünfzehn Kilometer von Sarajewo entfernt in Hrasnica wohnte und mir für heute Obdach gewährt hatte. Zwar sah ich Mario nur kurz, da er gerade als ich ankam, zur Arbeit zur Nachtschicht ins Casino aufbrach, dafür umgarnten mich die Katzen umso mehr. Ich ruhte mich aus und blieb für eine Nacht, bevor ich mir eingestand, einen Fehler gemacht zu haben, mich nur zum Couchsurfen so weit vom Stadtkern Sarajewos entfernt zu haben.

Am Morgen des 20.04.2025 revidierte ich diesen Fehler, buchte mir ein Hostel für umgerechnet zehn Euro im Stadtkern und machte mich wieder auf den langen Weg zurück nach Sarajewo. Dort checkte ich im Waterfall Hostel ein und machte mich daran, die Stadt bei Tag und bei Nacht zu erkunden. Besonders im historischen Markt- und Stadtkern Baščaršia verbrachte ich viel Zeit und kostete einheimisches Essen und Getränke. Es gab Ćevapčići mit Bier aus Sarajewo und kleine, extrem süße Süßwarenspezialitäten.
Zum Abend hin füllten sich die Straßen und Gassen mit immer mehr Shisha rauchenden Menschen. Wie ein sich langsam niederlegender Nebel vertrieb der süßliche Shisharauch die bis dahin vorherrschenden Essensgerüche aus den vielen kleinen Gassen, während der Muezzin von der Moschee aus zum Gebet aufrief.

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